Abstiegskampf : Wolfsburg am Abgrund

Es muss etwas passiert sein in Wolfsburg. Den ersten Hinweis brachte das Bundesligaspiel gegen Mainz vor zehn Tagen.

Wolfsburg - Der VfL lag hoffnungslos zurück, doch die Fans gingen nicht nach Hause, sie unterstützten ihre Mannschaft weiter so stimmgewaltig, dass man sich mit einem kurzen Blick auf die Anzeigetafel vergewissern musste, wirklich in der Volkswagen-Arena zu sein, nicht auf dem Betzenberg oder in Köln-Müngersdorf. Anfang dieser Woche erreichte dann folgende Meldung die Redaktionen: Das Abstiegsendspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern sei restlos ausverkauft, aufgrund der großen Nachfrage sei der Kartenverkauf im Internet kurzzeitig zusammengebrochen.

Zustände wie bei der Vergabe der WM-Tickets - so etwas hat es in Wolfsburg noch nicht gegeben. Und weil die elf auf dem Rasen zuletzt wenig zustande brachten, setzen die Verantwortlichen ihre Hoffnung jetzt in den "zwölften Mann". "In den letzten Wochen ist zwischen Mannschaft und Fans ein bis dahin noch nicht bekanntes Miteinander entstanden", sagt etwa Manager Klaus Fuchs.

Seit neun Jahren ist die Bundesliga in Wolfsburg zu Gast. Die Stadt und der Verein haben, unterstützt von Volkswagen, ein schmuckes Stadion gebaut, 2004 war der VfL sogar für acht Spieltage Tabellenführer - doch erst die Untergangsstimmung scheint die Wolfsburger an ihren Klub zu binden. Der Fanbeauftragte Holger Ballwanz, Mitglied der Aufstiegself 1997, sieht in der schwierigen Lage "eine ganz große Chance, dass hier etwas entsteht". Bisher hätten die Anhänger sich immer nur vom Geschehen auf dem Platz anstecken lassen. "Wir erleben hier zum ersten Mal, dass die Fans von sich aus eine positive Stimmung erzeugen", sagt Ballwanz.

Wenn es stimmt, dass ein Fußballbegeisterter nur durch Leiden zum wahren Fan wird, dann könnte diese Saison die Wolfsburger Anhängerschaft tatsächlich voranbringen. Denn sportlich war diese Saison des VfL eine Zumutung. Die Mannschaft präsentierte sich als gedankenlos zusammengekaufter Haufen. Sie scheint weder in der Lage, einen Gegner wie Kaiserslautern mit spielerischen Mitteln zu bezwingen, noch deutet etwas daraufhin, dass sich die Mannschaft dem Abstieg mit aller Gewalt entgegenstemmt.

Dem ohnehin schlechten Image des Klubs im Rest Deutschlands hat das weiter geschadet. So glauben laut Umfrage des Magazins "Kicker" 74 Prozent, dass Wolfsburg absteigt, eine Einschätzung, die sicher auch einer Wunschvorstellung entspringt. Denn viele gönnen den Klassenerhalt eher dem Traditionsklub Kaiserslautern als dem Werksklub Wolfsburg. Trainer Klaus Augenthaler schöpft aber gerade daraus Zuversicht. "Deutschland ist gegen uns, für die Motivation ist das perfekt", sagt Augenthaler. Er ist es gewohnt, dass ihm keiner was gönnt. Augenthaler war schließlich 15 Jahre Profi beim FC Bayern. Sollte am Samstag alles gut gehen, wäre das für den Trainer auch eine Art Doublegewinn. "Dieses Spiel ist wichtiger als ein Pokalendspiel", sagt Augenthaler. Und: "Der Klassenerhalt wäre so schön wie eine Meisterschaft."

Mag sein, nur folgt im Fall des Scheiterns nicht der zweite Platz, sondern die Zweite Liga. Für den Klub und seinen Sponsor wäre jedoch auch das wohl eine behebbare Betriebsstörung. Hauptsponsor Volkswagen, dem 90 Prozent der Fußball-GmbH gehören, wird den VfL nicht fallen lassen. Dafür hat der Konzern in den vergangenen Jahren zu viel in die Infrastruktur investiert. Selbst wenn die Zuwendungen des Sponsors im Abstiegsfall etwas zurückgefahren würden, dürfte der VfL in der Zweiten Liga Favorit sein. Doch das sind Planspiele, zu denen sich in Wolfsburg noch keiner äußern will. Stattdessen hat der Klub seine Fans zum großen "Saisonabschlussfest" eingeladen, heute um 17.20 Uhr. Für die versprochenen 1000 Liter Freigetränke wird sich schon ein Abnehmer finden. Zur Not die Fans aus Kaiserslautern. (Von Steffen Hudemann)

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