Sport : Abteilung Wille

Felix Meininghaus

Vor dem Spiel gegen Rostock standen die Experten von den Dortmunder Tageszeitungen mal wieder zusammen und fachsimpelten. In großer Einmütigkeit kamen sie zur Überzeugung, das 1:1 in Wolfsburg sei trotz der kümmerlichen Darbietung ein Meilenstein in Richtung Meisterschaft gewesen. Schließlich, so die vorherrschende Meinung, hätten die Bayern oft genug vorgemacht, wie man mit minimalem Aufwand maximale Erträge erzielt. Wenn das der Maßstab ist, an dem Champions gemessen werden, haben sie in Dortmund tatsächlich allerbeste Aussichten, am 4. Mai zum sechsten Mal die Schale zu holen.

Auch beim 2:0 (0:0) gegen Rostock war das millionenschwere Ensemble in schwarz-gelb weit davon entfernt, spielerischen Glanz zu verbreiten. Dortmund tat sich gegen die solide verteidigenden Gäste schwer, vor allem in der ersten Hälfte. Das Spiel plätscherte vor sich hin, in der Südkurve waren die Anhänger kurz davor einzudösen. Für solche Zeiten der Durchhänger gibt es eine bunte Videowand, auf der sich die Zwischenstände in anderen Stadien in großen Ziffern abbilden lassen: St. Pauli 2 - Bayern 0 war da zu lesen, was die Fans schlagartig aufweckte.

Dagegen taten sich die Dortmunder Profis auf dem Feld weiterhin schwer. Was vor allem daran lag, dass die Mannschaft nach dem Ausfall von Tomas Rosicky Probleme offenbarte, Struktur in ihr Spiel zu bekommen. BVB-Trainer Matthias Sammer vermisste "Ruhe und Überzeugung. Wir müssen abgeklärter und ballsicherer agieren." Sebastian Kehl brachte im defensiven Mittelfeld noch die konstruktivsten Ansätze in die ideenlose Vorstellung. Es dauerte bis zur 66. Minute, ehe der Brasilianer Ewerthon für die Erlösung sorgte. Sein Führungstreffer war nicht herausgespielt, sondern entsprang vielmehr einer zufälligen Begebenheit. Für Sammer war die spielentscheidende Situation kein Produkt "aus der Filigranabteilung, sondern aus der Abteilung Willen". Immerhin: Solange der vorhanden ist, kann der BVB auch in schwächeren Partien den Erfolg erzwingen.

Die Führung im Rücken befreite das bis dato statische BVB-Ensemble, das nun endlich auch den Nachweis ansehnlichen Kombinationsspiels erbringen konnte. Einer dieser direkt vorgetragenen Attacken brachte das 2:0 durch den eingewechselten Marcio Amoroso. Der Torjäger freute sich über seinen elften Saisontreffer so überschwänglich, dass er einen Sprint über das gesamte Spielfeld hinlegte, um mit Torwart Jens Lehmann und den Auswechselspielern zu feiern. Auch sonst gab es rund um das Westfalenstadion Grund zum Strahlen: Bayern verloren, Leverkusen verloren, die Führung auf vier Punkte ausgebaut - es war ohne Zweifel der Abend des BVB.

Dass sich die Dortmunder an die Spitze stolpern, wollte Kapitän Stefan Reuter indes so nicht stehen lassen: "Du musst auch mal schwächer spielen und gewinnen oder Schadensbegrenzung betreiben und mit einem Punkt nach Hause fahren." Und klammheimlicher Spott über die schwächelnde Konkurrenz im Titelrennen verbietet sich für einen grundsoliden Menschen wie Sammer von selbst: "Du musst erst mal vor deiner eigenen Haustür sauber halten und nicht so sehr zum Nachbarn schauen." Im Übrigen müsse sein BVB "erst einmal den Nachweis bringen, dass wir die Klasse haben, die Bayern zu schlagen". Nur zu: Die Gelegenheit ergibt sich bereits am Samstag im Münchner Olympiastadion.

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