Sport : Abwärts

Martin Schmitt verkörpert die schwierige Situation der deutschen Skispringer

Benedikt Voigt

Berlin - Es ist Nacht am Flughafen Mönchengladbach, als der Tower eine unplanmäßige Landung meldet. Aufregung bricht los, die Feuerwehr rast zur Landebahn – und wundert sich. Plötzlich schweben Martin Schmitt, Michael Uhrmann, Georg Späth, Andreas Widhölzl und Martin Höllwarth ein, die Skispringer. Am Ende des Werbespots folgt noch der Claim, mit dem der Fernsehsender RTL in diesem Winter das Skispringen bewirbt: „Bereit für die neue Zeit“. Doch das stimmt nicht ganz. Einer der Protagonisten aus dem Spot ist nicht bereit.

Martin Schmitt sucht seit zwei Jahren den Anschluss an die neue Zeit. Beim Weltcupspringen am kommenden Wochenende in Harrachov wird ihm dies erneut nicht gelingen, Bundestrainer Peter Rohwein hat ihn nach dem enttäuschenden Ergebnis in Trondheim aus dem Weltcup genommen. Dort schaffte es der viermalige Weltmeister noch nicht einmal, sich für den Durchgang der besten 50 Springer zu qualifizieren. Es war der Tiefpunkt seiner Karriere.

„Martin Schmitt darf sich nicht blamieren“, sagte Rohwein, „er wird einen Neuaufbau machen und neues Skimaterial testen.“ Doch der Bundestrainer ahnt, dass das Training mit dem B-Kader keinen plötzlichen Leistungsschub verspricht. „Er wird danach nicht von null auf 100 durchstarten, aber wir wollen erreichen, dass er sich zumindest wieder normal präsentiert.“

Normal, das bedeutete in den letzten zwei Jahren zumeist Platzierungen zwischen Rang zehn bis 30. Der ehemalige Sportler des Jahres, Weltmeister und Mannschaftsolympiasieger fiel zuletzt lediglich als Interviewpartner auf. Oder durch eine Aktion eines Sponsors, der ihm im letzten Jahr pikanterweise ein weißes Fragezeichen auf den Helm geklebt hat. Später wurde das Rätsel aufgelöst, ein neuer Schokoladenriegel steckte dahinter. Das Rätsel Martin Schmitt blieb.

Sein Dauertief manifestiert den Abwärtstrend des Skispringens in Deutschland, der nach dem Mannschaftsolympiasieg von Salt Lake City einsetzte. Der zweite Star der Mannschaft, Sven Hannawald, leidet zurzeit am Burn-Out-Syndrom und wird in diesem Winter voraussichtlich gar nicht springen. Sogar das Karriereende scheint nicht ausgeschlossen. Die Krise der Stars überstrahlt vereinzelte Erfolge wie Michael Uhrmanns Weltcupsieg vergangene Saison oder Alexander Herrs zweiten Platz von Kuusamo. Das Skispringen kämpft nun dagegen an, das gleiche Schicksal wie Tennis oder Boxen zu erleiden. Diese Sportarten haben in Deutschland nach dem Karriereende der Stars wie Boris Becker, Steffi Graf, Henry Maske oder Axel Schulz an Popularität verloren.

Immerhin, Martin Schmitt ist noch dabei. Der 27-Jährige glaubt noch an die Wende. „Ich habe den festen Glauben, dass es noch klappt und ich irgendwann wieder an alte Erfolge anknüpfen kann“, sagte Martin Schmitt dem „Sportinformationsdienst“. In den letzten zwei Jahren galten seine Knieoperation und anhaltende körperliche Schwierigkeiten als Ursache für fehlende Spitzenresultate. Nun gibt es ein neues Problem. Trainer Peter Rohwein fand nach intensivem Videostudium heraus, dass Schmitts Technik in der Anlaufspur fehlerhaft ist. Sein Schwerpunkt liegt um Nuancen zu weit hinten. Zwar hat er diesen Fehler auch gemacht, als er noch weiter sprang. Doch seitdem hat sich das Skispringen verändert. Es gibt neue Regeln für das Material, neue Anforderungen an das Gewicht und neue Techniken. Es ist die neue Zeit. Ohne Martin Schmitt.

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