Sport : Abwanderung oder Widerspruch?

Warum Bundestrainer Jürgen Klinsmann auch weiterhin jenseits aller Kritik steht

Wolfram Eilenberger

Wie fast alle Menschen, die ich kenne, habe ich in den letzten Tagen versucht, an etwas anderes zu denken als an die deutsche Nationalmannschaft: an die nigerianische Eisenbahn zum Beispiel. Was weiß ich schon über sie? Nicht viel. Für echte Weltklasseleistungen fehlen ihr gewiss die technischen Voraussetzungen. Dennoch könnte ihre Leistung wahrscheinlich wesentlich besser sein. Auf der Google-Suche nach „nigerianische Eisenbahn“ stößt man schnell auf den Wirtschaftstheoretiker Albert O. Hirschman. Am Beispiel dieser Eisenbahn entwarf Hirschman einst eine Theorie darüber, wie aufmerksame Kunden auf ungenügende Leistungen reagieren.

Im Prinzip, so die Theorie, verfügt ein kritischer Konsument über zwei Optionen, Verbesserungen in Gang zu setzen: entweder durch Abwanderung (Wechsel des Anbieters) oder durch Widerspruch (lautstarker Protest). Natürlich fragte ich mich sofort, ob Hirschmans bahnbrechende Theorie nicht auch der deutschen Nationalelf weiterhelfen könnte, schließlich schienen die Probleme strukturell ähnlich. Doch noch im gleichen Moment begriff ich, dass es für Fußballdeutschland keine rationale Möglichkeit mehr gibt, die WM zu retten. Jedenfalls nicht, sollte Hirschman Recht haben.

Die Option „Abwanderung“ ist im Fall der Nationalmannschaft ausgeschlossen. Es gibt nur dieses eine Team. Und selbst wenn es uns 80 Millionen nörgelnden Hobbytrainern gelingen sollte, noch vor WM-Beginn kollektiv die brasilianische Staatsbürgschaft anzunehmen, was brächte das? Unsere Daumen drückten wir doch für die deutschen Buben.

Bliebe die Alternative, der entschiedene und konstruktive Widerspruch gegen die Klinsmann-Ideologie. Wer sollte ihn wirksam formulieren? Die Spieler? Das wäre ein bisschen viel verlangt. Wie wir Fans können sie nicht in andere Teams abwandern. Und wie Klinsmann mit argumentativ nachvollziehbarer Spielerkritik umgeht, hat der Fall Wörns gezeigt. Die Abwanderung ist rechtlich unmöglich, der Widerspruch faktisch. Tatsächlich steht Klinsmanns Personalpolitik im Zeichen der mannschaftsinternen Widerspruchsvermeidung. Von Huth, Metzelder, Deisler und Schweinsteiger wird er keinen kritischen Mucks zu erwarten haben, schließlich ist er der einzige Trainer, der sie überhaupt spielen lässt. Den letzten internen Kritiker mit öffentlichem Machtpotenzial, Oliver Kahn, hat Klinsmann durch konstruierten Konkurrenzdruck zum Schweigen gebracht – und Ballack mag vieles sein, aber gewiss kein widerspenstiger Geist. Auf dem Feld, so viel ist gewiss, wird der Untergang vor der Revolte kommen.

Was Klinsmann anderen systematisch untersagt, beansprucht er selbst in ungekanntem Ausmaß. Im Verhältnis zu seinem Arbeitgeber, dem DFB, bedient er sich kunstvoll der erwähnten Druckmittel. Die Institution mischt er mit energischem Widerspruch auf, und trifft er auf Widerstände, kokettiert er unverhohlen mit sofortiger Abwanderung. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass diese Drohung durch seine faktisch bereits lange vollzogene Auswanderung nach Kalifornien noch an Zugkraft gewinnt.

Weniger als 100 Tage vor Turnierbeginn der unerfahrenen Notkraft hoffnungslos ausgeliefert, wird Klinsmann auch von Seiten des DFB nicht wirksam auf den fundamentalen Denkfehler seiner Amtszeit hingewiesen werden: mit einer durchschnittlich begabten Mannschaft das Titelheil in einer offensiven Dominanzstrategie zu suchen.

Verbliebe die vierte potenziell regulierende Macht im Bunde, die so genannten Medien. Auch sie haben es mit Klinsmann nicht leicht. Das erfreuliche Freundschaftsturnier des letzten Jahres führte zu einer kollektiven Solidarisierung, die glaubwürdige Kritik bis heute hemmt. Außerdem würde eine sachliche Zuwendung allzu leicht als spaßbremsende Nörgelei, wenn nicht als Vaterlandsverrat wahrgenommen. Selbst die „Bild“-Zeitung windet sich derzeit in der Patriotismusfalle, irgendwo zwischen Scheinaffirmation und der frohen Aussicht, nach dem Ausscheiden alte Rechnungen begleichen zu können. Wohin man also auch blickt, im ganzen Land ist kein effektiver Korrekturmechanismus in Sicht. Klinsmann wird, wie er lächelnd ankündigte, seinen Kurs konsequent halten, immer geradeaus, wie auf Schienen. Und wir haben nicht einmal die Wahl, vom rasenden WM-Zug abzuspringen. In diesem Sinne: ein Hoch auf die nigerianische Eisenbahn! Für sie gibt es noch ehrliche Hoffnung.

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