Sport : Abwehr paradox

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Von Stefan Hermanns

Ulsan. Die einen nennen es Selbstvertrauen, die anderen Übermut. Bei Sebastian Kehl, 22 Jahre, Fußball-Profi, sind die Unterschiede nur schwer zu ermitteln. Im Viertelfinale gegen die USA lief bereits die Nachspielzeit, und Kehl stürmte mit großen Schritten in die gegnerische Hälfte, als sei dies die letzte Möglichkeit, doch noch den Ausgleich für sein Team zu erzielen. Dabei führte die deutsche Nationalmannschaft 1:0, und Kehls Aufgabe liegt ohnehin eher darin, Tore des Gegners zu verhindern, als selbst welche zu schießen. Das hielt ihn nicht davon ab, kurz vor Schluss in den Strafraum der Amerikaner zu eilen und seinem Mitspieler Marco Bode zuzubrüllen, er solle ihn in der Mitte gefälligst anspielen. Doch Bode flankte in den Rücken von Kehl, die Amerikaner fingen den Ball ab und leiteten einen Konter ein. Zum Glück für Kehl passierte nichts. Man muss sich das vorstellen: Die deutsche Nationalelf verbaselt in der Nachspielzeit den Einzug ins WM-Halbfinale, weil ihr zentraler Abwehrspieler seiner Lust nachgeht, selbst noch ein Tor zu schießen. Natürlich hatte Teamchef Rudi Völler den jungen Kehl auch deshalb von Anfang an spielen lassen, weil er sich von ihm deutlich mehr Temperament erwartet hatte als vom gelegentlich blassen Carsten Ramelow. Aber man muss sein Temperament ja nicht gerade mit einer Harakiri-Aktion in letzter Minute ausleben.

Irgendwann im Laufe der letzten Wochen hat Völler mal gesagt, dass er Kehl nicht unbedingt als Abwehrchef sehe. Diese Einschätzung ist so ungewöhnlich nicht, weil Kehl auch bei Borussia Dortmund nicht den Abwehrchef gibt, sondern einen Platz im defensiven Mittelfeld besetzt; trotzdem hat Völler seine Meinung im Spiel gegen die USA noch einem Praxistest unterzogen. Jetzt darf er sich endgültig bestätigt fühlen. „Wir haben wieder zu null gespielt“, sagte Kehl zwar. Das ist richtig. Aber das war weniger das Resultat einer überzeugenden Abwehrleistung, sondern einzig den Heldentaten des Oliver Kahn zuzuschreiben. Kahn, der Torhüter, ist der wahre Abwehrchef. „Er gibt die Richtlinien vor“, sagt Christoph Metzelder.

Ein wenig seltsam ist die Situation ja schon. Die Deutschen haben in fünf WM-Spielen erst ein Gegentor kassiert, und doch gilt die Abwehr immer noch als Schwachstelle. Der Versuch mit Kehl als zentralem Mann in einer Dreierkette dürfte ein Versuch bleiben. Der Dortmunder verlor einige Sprintduelle, und auch sonst fehlte der Verteidigung die rechte Organisation. Schon nach einer Stunde wechselte Völler daher mit Jens Jeremies einen Spieler ein, der gewissermaßen den Ko-Abwehrchef spielte.

Auch vor dem Halbfinale ist Rudi Völler immer noch auf der Suche nach der idealen Abwehrformation. In den drei Vorrundenbegegnungen hat er zunächst mit Thomas Linke, Carsten Ramelow und Christoph Metzelder gespielt. Nachdem Ramelow gegen Kamerun Gelb-Rot gesehen hatte, baute er die Dreier- zur Viererkette aus und lieferte damit laut Kapitän Kahn ein taktisches Meisterstück. Die Mannschaft forderte daraufhin, an der Viererkette festzuhalten, was Völler entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten auch tat. Gegen Paraguay aber hielt die Kette den Belastungen nur bedingt stand, weswegen Völler zur Pause und mit einigem Erfolg den Urzustand wiederherstellte. „Das hat gezeigt, dass wir flexibel sind“, sagte Jeremies anschließend. Manchmal aber ist flexibel nur ein anderes Wort für unbeständig.

Aber was soll man erwarten, wenn in der Abwehr zwei junge Männer stehen, die zusammen nicht einmal hundert Bundesligaspiele bestritten haben? Kehl ist 22, Metzelder erst 21. Beide verfügen über überdurchschnittliche Begabung, aber eigentlich befinden sie sich in einem Entwicklungsstadium, in dem sie noch einen erfahrenen Mann an ihrer Seite benötigten. Im Verein, bei Borussia Dortmund, war dies für Metzelder Jürgen Kohler, der Ehrenvorstopper der Nation. In der Nationalmannschaft hingegen fehlt ihm dieser Mentor. Thomas Linke könnte es von der Erfahrung her sein, aber er ist nicht der Typ, der andere ans Händchen nimmt. Vielleicht ist er dazu manchmal auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Rudi Völler sagt, der Einzug ins WM-Halbfinale sei „sensationell für unsere junge Mannschaft“. Damit meint er vor allem die Abwehrspieler. Metzelder prophezeit er eine großartige Karriere. Bei dem Dortmunder habe er manchmal das Gefühl, er wisse selbst nicht, wie gut er eigentlich sei. Vor allem im Offensivspiel besitze er noch ungeahnte Fähigkeiten. Gegen die USA wagte Metzelder einen Vorstoß in des Gegners Hälfte, wurde gestoppt und musste zusehen, wie die Amerikaner einen Konter einleiteten. „Das war dumm“, sagte Metzelder, und fortan konzentrierte er sich wieder auf sein Kerngeschäft, das Verteidigen. Vermutlich unterscheidet ihn das von Kehl. Als in der Nachspielzeit Bodes Flanke in seinen Rücken segelte, ärgerte sich Kehl nicht etwa über den eigenen Leichtsinn. Er beschwerte sich bei Bode über dessen ungenaues Zuspiel.

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