Sport : Abwehrhaltung

Huub Stevens und Dieter Hoeneß haben die Mannschaft für Herthas Misere verantwortlich gemacht – also sollen die Spieler reden

Stefan Hermanns,Klaus Rocca

Von Stefan Hermanns

und Klaus Rocca

Berlin. Die Haltung am Tag danach war wenigstens konsequent. Huub Stevens, Herthas Trainer, sagte am Vormittag die tägliche Pressekonferenz ab, und Dieter Hoeneß ließ den Journalisten und Kameraleuten vor der Geschäftsstelle am Olympiastadion durch den Pressesprecher des Vereins mitteilen, es gebe nichts Neues, deshalb werde er auch nichts sagen. Die Sprachlosigkeit in Herthas sportlicher Führung passte dazu, dass sie am Sonntag nach der 1:3-Heimniederlage gegen Schalke 04 die Verantwortung für die Misere auf die Mannschaft abgewälzt hatte. Die Botschaft am Tag danach lautete: Sollen doch die Spieler reden und erklären, was sich kaum noch einer erklären kann.

Allzu viele taten dies vor dem Training gestern Nachmittag nicht. Niko Kovac zum Beispiel parkte sein Auto so, dass er durch einen Nebeneingang den Kabinentrakt betreten konnte. Fredi Bobic traf mit einer Viertelstunde Verspätung ein. Er hatte wenigstens eine plausible Erklärung: Bobic hatte einen Termin beim Arzt, weil auch ihn jetzt die Grippe plagt. Vielleicht war er auch noch aus einem anderen Grunde verschnupft. Am Vorabend hatte ihn Stevens nicht nur vorzeitig aus dem Spiel genommen, er hatte ihm auch zunächst den Handschlag verweigert. Als die Spieler nach einer Dreiviertelstunde zum Training gingen, blieben sowohl Bobic als auch Stevens in der Kabine.

Es gibt bei Hertha im Moment mal wieder erhöhten Gesprächsbedarf, wie so oft in dieser Saison. „Wir sprechen immer unsere Fehler an“, sagte Andreas Neuendorf. Das Ergebnis aber ist, dass sie die gleichen Fehler im nächsten Spiel wieder machen. Gegen Kaiserslautern führte Hertha zur Pause – und verlor. Gegen Schalke führte Hertha zur Pause – und verlor erneut. „Was da passiert, das ist unglaublich“, sagte Bart Goor. Immerhin schließt er Absicht als Ursache aus: „Es ist nicht so, dass wir auf den Platz gehen und sagen: Okay, heute verlieren wir mal.“

Es sei, denn die Spieler wollten Huub Stevens loswerden. Doch das bestreiten alle Spieler. „Die Mannschaft steht zum Trainer“, sagte Andreas Neuendorf. Stevens liefere ehrliche Arbeit ab, und er, Neuendorf, schätze ihn sehr. Als es das Ultimatum für Stevens gab, „hat die Mannschaft schon ein klares Zeichen für den Trainer gesetzt“. Trotzdem scheint Stevens’ Job wieder genauso gefährdet, wie er es vor den beiden Siegen bei Hansa Rostock war. Ob er denn glaube, dass Stevens auch nach der Winterpause noch sein Trainer sei, wurde Bart Goor gefragt. „Weiß ich nicht“, lautete seine Antwort. Auch an höherer Stelle scheint man wieder ins Grübeln zu kommen. Der Aufsichtsratsvorsitzende Rupert Scholz, der noch vor einem Monat verkünden durfte, dass die höchsten Vereinsgremien Stevens einstimmig das Vertrauen ausgesprochen hätten, sagte gestern: „Ich muss erst einmal nachdenken.“

Schon am Mittwoch steht Hertha ein weiteres schweres Spiel bevor: Im Achtelfinale des DFB-Pokals tritt die Mannschaft beim derzeitigen Tabellenzweiten Werder Bremen an. Am Samstag muss sie bei Borussia Dortmund spielen, wo Hertha seit 1972 nicht mehr gewonnen hat. Angesichts des schweren Programms erscheint es ausgeschlossen, dass in der Trainerfrage in dieser Woche noch etwas passiert. Danach aber könnte Manager Hoeneß zum Handeln gezwungen sein. Der nächste Gegner im Olympiastadion heißt 1860 München – mit dem bei Herthas Fans ausgesprochen beliebten Falko Götz als Trainer.

Die Geduld der Anhänger ist schon länger aufgebraucht, und auch die Spieler haben erkannt, dass das Verhalten der Fans eine neue Qualität angenommen hat. Der Wut folgt jetzt die noch viel schlimmere Gleichgültigkeit. Nachdem Asamoah am Sonntag das 3:1 für Schalke geschossen hatte, verließen Tausende schweigend das Olympiastadion. „Es ist krass, dass das einfach so hingenommen wird“, sagte Neuendorf. Das sei eine beängstigende Entwicklung.

Für Neuendorf und seine Kollegen könnte es noch ärger kommen, wenn Manager Dieter Hoeneß seine Drohung wahr macht, dass die Spieler Opfer bringen müssten. „Wir alle bringen Opfer“, sagte Neuendorf. „Wir leiden auch unter der Situation.“ Aber mit dieser Argumentation dürften die Spieler nicht so einfach davonkommen, auch wenn bisher niemand eine genaue Vorstellung davon hat, welche Maßnahmen Hoeneß vorschweben. „Ich weiß nicht, was damit gemeint ist“, sagte Nationalspieler Marko Rehmer. „Aber man wird es uns schon sagen.“ Gehaltskürzungen wahrscheinlich nicht. Marko Rehmer sagt: „Wir haben schon genug Einbußen dadurch, dass wir nicht gewinnen.“

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