Sport : Ästhetische Meister

Mit dem EM-Titel für Spanien begann auch der Wiederaufstieg der Künstlerkolonie FC Barcelona.

Sven Goldmann
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Hoch lebe der schöne Fußball. Spaniens Nationalteam feierte nach dem EM-Gewinn seinen Trainer Luis Aragonés. Foto: dpa

Es war ein Sommertag im späten Juni, als die Sonne in Wien unter- und symbolisch über Spanien aufging. Nach dem unangemessen niedrigen 1:0-Sieg im Finale der Europameisterschaft über Deutschland machten die Aficionados das Donauufer zu einer Costa del Sol im Exil. Kastilier, Katalanen und Andalusier feierten gemeinsam ihre Fußballmannschaft und die spanische Nation. Das war aus politischen Gründen durchaus verständlich, schließlich wird den Spaniern nachgesagt, sei seien gar keine Nation, sondern ein Zweckverbund egoistischer Subnationen. Doch bei genauerem Hinsehen war diese spanische Mannschaft auch keine spanische, sondern eine Künstlerkolonie aus Katalonien, verstärkt mit Handwerkern aus Valencia, Villarreal und Madrid. Der Sieg der Schönheit über die Zweckmäßigkeit. Spaniens Triumph von Wien war das vorweggenommene Comeback der Ästheten in Blau-Rot.

Nominell stellte der FC Barcelona nur drei Spieler, aber diese standen für den Geist der Mannschaft und prägten als kreatives Element ihr Spiel. Auch der verteidigende Stratege, Carles Puyol, vor allem aber die genialen Mittelfelddenker Xavi Hernandez und Andres Iniesta, dazu Cesc Fabregas, der im Alltag für den FC Arsenal spielt, aber in Barcas Nachwuchsabteilung groß geworden ist. Der ewige Rivale Real Madrid war in der Finalmannschaft mit Torhüter Iker Casillas und Verteidiger Sergio Ramos nur für das Verhindern zuständig.

Für Real begann mit dem Triumph von Wien ein unerwartet steiler Abstieg, der jetzt, zwei Wochen nach der Entlassung von Trainer Bernd Schuster, immer noch nicht beendet scheint. Für Barca steht Wien für die Rückkehr zu schon verloren geglaubter Grandezza. Am Sonntag endet in Spanien das Fußballjahr 2008. Der FC Barcelona spielt in Villarreal, und wenn alles wie erwartet läuft, wird er mit zwölf Punkten Vorsprung auf Real in das neue Jahr der Primera Division gehen.

Es ist wieder wie in den frühen neunziger Jahren, als der FC Barcelona noch von Johan Cruyff angeleitet wurde und Cesar Luis Menotti seinen legendären Satz sprach: „Selbst wenn Claudia Schiffer und Naomi Campbell zusammen splitternackt im Camp Nou flanierten, wie lange würden die Menschen wohl hinschauen?“ Zehn, zwanzig Sekunden vielleicht, bis zum nächsten aufregenden Angriff über Laudrup oder Stoitschkow oder Guardiola oder wen auch immer in dieser großartigen Mannschaft, die damals den aufregendsten Fußball der Welt spielte.

Cruyffs Barca prägt bis heute den Stil eines Klubs, der dazu verdammt ist, nicht nur erfolgreich zu spielen, sondern vor allem schön. Sein niederländischer Landsmann Frank Rijkaard hat diese Tradition weitergeführt in die Moderne, mit Künstlern wie Xavi, Iniesta, Messi, Eto’o und Ronaldinho. Rijkaards Barca fand seinen Höhepunkt im Jahr 2006, als es 18 Siege in Folge feierte und die Champions League gewann.

Danach geschah, was so oft mit chronisch erfolgreichen Mannschaften geschah. Sie war satt und nicht bereit für Reals Gegenattacke, geführt vom Verwaltungsfachmann Fabio Capello auf der Trainerbank. Real spielte langweilig und gewann zwei Meisterschaften in Folge, die erste unter Capello, die zweite unter Bernd Schuster. Die vermeintliche Übermannschaft aus Barcelona fiel auseinander. Barca beendete die Saison mit 18 Punkten Rückstand auf Real.

Das war drei Wochen vor der EM, und Nationaltrainer Luis Aragonés musste sich von den spanischen Reportern einiges anhören, als er Reals Kapitän Raúl zu Hause ließ und die Führung der Mannschaft den gedemütigten Barcelonesen anvertraute. Javier Marías, Spaniens Kandidat auf den Literatur-Nobelpreis und ewiger Real-Fan, urteilte über Aragonés in einem Essay für den Tagesspiegel: „Er hat jetzt für die Europameisterschaft eine Gruppe von jungen Männern ausgewählt, die bisweilen so mittelmäßig sind, dass ein aufmerksamer Fußballfan wie ich nicht einmal weiß, in welchem Verein mancher von ihnen spielt.“ Ein paar Wochen später rühmten die Reporter Aragonés für seine Weitsicht und erzählten, sie hätten ja immer gewusst, dass der egoistische Raúl den Teamgeist zerstört habe.

In Österreich verwirrten die von Xavi angeführten Spanier mit ihrem schnellen Kurzpassspiel die Gegner und schossen in zwei Spielen gegen die hochgelobten Russen sieben Tore. Als im Viertelfinale die Italiener so überhaupt nichts zum Gelingen des Abends beitragen wollten, begegneten die Spanier dem Beton mit Klugheit und Geduld. Sie spielten nicht nur mit dem Herzen, sondern mit dem Kopf – und gewannen im Elfmeterschießen. Nach dem einseitigen Finale gegen die Deutschen wurde Xavi zum besten Spieler des Turniers gewählt, neben ihm standen auch Puyol, Iniesta und der London-Katalane Fabregas im Allstarteam.

Daheim in Nou Camp setzte Josep Guardiola die Euphorie von Wien um in einen Neuanfang in Barcelona. Guardiola ist 37 Jahre alt, seine Erfahrung als Trainer reduzierte sich auf eine Saison mit der zweiten Mannschaft. Und doch war seine Bestellung eine logische Wahl. Denn Josep Guardiola, ein Kind von Barcas Jugendarbeit, war der fußballerische Kopf der Ära Cruyff. Einer, der schnelles Denken und kurzes Passspiel über alles stellt. Er hat es geschafft, der Mannschaft den Spaß am Spiel und den Sinn für die Schönheit zurückzugeben. In 15 Ligaspielen hat Blau-Rot 46 Tore erzielt, allein 13 gegen die Spitzenmannschaften FC Sevilla, Atlético Madrid und FC Valencia.

Real trudelt dagegen ins scheinbar Bodenlose. Trainer Schuster verlor seinen Job ein paar Tage vor dem Spiel in Barcelona, weil er etwas zu defätistisch ausgeplaudert hatte, dass dort ohnehin nichts zu gewinnen sei. Barca gewann den Clasico 2:0, mit einer Überlegenheit, die die spanische im EM-Finale über Deutschland noch übertraf. „In Spanien heiligt der Zweck nicht die Mittel. Zustände wie in Italien lassen wir nicht durchgehen“, urteilte „El Pais“ nach dem einseitigen Spiel. Das von Raúl angeführte Real spielte einen so hässlichen Fußball, dass nicht mal Javier Marías hinschauen mochte.

Zumindest die Madridistas unter den Zuschauern im Stadion hätten sich gerne ablenken lassen von Claudia Schiffer und Naomi Campbell, zusammen und splitternackt durch Nou Camp flanierend.

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