Afghanistan : Das Tor zur Tapferkeit

Fußball in Afghanistan war lange unmöglich, besonders für Frauen. Die Nationalmannschaft schwankt zwischen Angst und Freiheit.

Friedhard Teuffel[Ostfildern]
Afghanische Frauenfussball-Nationalmannschaft
Im Training. Die afghanische Frauenfussball-Nationalmannschaft.Foto: ddp

Auf einmal liegt der Ball vor ihren Füßen, sie muss ihm nur noch die richtige Richtung geben, dann hat Azadeh Naem ein kleines Pionierwerk geschaffen: das erste Tor der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft in Europa. Ihre Mitspielerinnen fangen schon zu kreischen an, als die 19 Jahre alte Stürmerin Schwung holt und ihre langen Haare nach hinten fliegen.

Tor durch Azadeh, das würde passen. „Azadeh bedeutet Freiheit“, hat sie vor dem Spiel in gutem Englisch erklärt, und ohne Freiheit gäbe es keinen Fußball in Afghanistan, erst recht keine Nationalmannschaft der Frauen. Unter der Herrschaft der Taliban durften Frauen nur in Begleitung von Männern das Haus verlassen. Das ist zwar vorbei, aber Frauen beim Sport, daran haben heute noch viele in Afghanistan etwas auszusetzen.

An diesem kalten Januarabend in der Sportschule Ruit in Ostfildern vor den Toren Stuttgarts hat Azadeh Naem sogar das Kopftuch weggelassen, ihre Mitspielerinnen tragen entweder Mützen, Stirnbänder oder bunte Piratentücher auf dem Kopf. In langen Hosen laufen und kämpfen sie bis zum Schlusspfiff. „Das Leben in Afghanistan hat uns tapfer gemacht“, sagt Azadeh Naem.

Ihr Mut wird in diesem Spiel nicht mit einem Tor belohnt. 0:7 verlieren die Afghaninnen gegen eine U-17-Mannschaft des BFC Pfullingen, ein Klub aus dem oberen Drittel des baden-württembergischen Mädchenfußballs. Nach dem Spiel ruft Klaus Stärk die Pfullingerinnen zusammen. „Wir möchten uns bei euch bedanken“, sagt Stärk, „ihr habt uns geschont, aber auch gezeigt, wie man Fußball spielt.“ Der 54-jährige Stuttgarter ist vor vier Jahren nach Kabul gegangen, um von Fußball-Entwicklungshelfer Holger Obermann die Leitung des afghanischen Fußballprojekts zu übernehmen. Träger ist der Deutsche Olympische Sportbund, Geld kommt vom Auswärtigen Amt und vom Deutschen Fußball-Bund.

In seine schwäbische Heimat sind nun für zwei Wochen 18 afghanische Spielerinnen gekommen; sie sind zwischen 17 und 22 Jahre alt, es ist ihr erster Auslandslehrgang. „Die meisten von ihnen werden keine großen Fußballerinnen mehr“, sagt Stärk. Sein afghanischer Trainerkollege Ali Askar Lali, der mit ihm das Projekt leitet, ist schon froh über das Erreichte: „Vor drei Jahren wussten diese Mädchen nicht einmal, auf welches Tor sie schießen sollen.“ Im vergangenen Sommer haben sie ihr erstes Turnier im Ausland gespielt gegen Klubs aus Pakistan – und sind am Ende Zweite geworden. Es waren ihre ersten Versuche auf einem großen Feld, ihr Platz in Afghanistan reicht nur für ein Spiel sieben gegen sieben.

Die Leistung ist ohnehin nicht das Wichtigste. „Der Fußball ist in Afghanistan eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen und Mädchen, sich zu äußern“, sagt Ali Askar Lali. Als sportlicher Aufbauhelfer ist er 2003 in sein Land zurückgekehrt. Früher spielte er in der Nationalmannschaft. Nachdem sowjetische Soldaten im Dezember 1979 in sein Land einmarschiert waren, floh er wie viele andere ins Ausland. Gelandet ist er in Paderborn, dort spielte er in der Oberliga. Aus der Ferne bekam er mit, wie seine Heimat in Krieg und Terror versank. „Die Taliban haben Fußball nur benutzt, um viele Leute in die Stadien zu bekommen“, sagt er. „Dann haben sie die Spiele unterbrochen, um Menschen hinzurichten.“

In Ostfildern ist alles andere als Fußball weit weg. Am Sportplatz schweben die Maschinen auf ihrem Landeanflug nach Stuttgart vorbei, Flugzeuge, in denen keine Soldaten sitzen, sondern Urlauber oder Geschäftsreisende. In Kabul trainieren die Mädchen und Frauen auf einem Gelände des afghanischen Militärs, um halbwegs geschützt zu sein. Gleich nebenan ist die internationale Schutztruppe Isaf stationiert. „Zweimal gab es Explosionen in der Nähe“, erzählt Azadeh Naem, und an einem Tag mit besonderen Terrorwarnungen hätten sie die Isaf-Soldaten erstaunt gefragt, was sie denn auf dem Gelände zu suchen hätten. Ihre Antwort: „Aber wir haben doch heute Training.“

Der Widerstand gegen ihr Fußballspiel beginnt jedoch schon zu Hause. Azadeh Naems Mutter wollte nicht, dass ihre Tochter zum Fußball geht. „Als mir nichts mehr eingefallen ist, habe ich angefangen zu weinen und gesagt, dass Fußball mein Leben bedeutet.“ Oft bekommen die Mädchen über ihre Lehrerinnen Kontakt zum Fußball. 600 Mädchen spielen inzwischen in Afghanistan Fußball, sie kommen aus allen Schichten, aber meist aus liberaleren Familien.

Viel hängt an den Trainern Ali Askar Lali und Klaus Stärk, außer ihnen gibt es kaum ausgebildete Trainer. Sie haben auch beim Aufbau von drei Sportschulen geholfen. Die sollen die Basis dafür werden, dass nicht alles zusammenbricht, wenn sie mal aufhören. Doch der Terror erschüttert auch das Fußballprojekt. Stärk saß schon in einem Internetcafé in Kabul, das am nächsten Tag in die Luft flog. Lali hielt sich einen Tag vor dem Anschlag der Taliban im Serena-Hotel auf, bei dem Mitte Januar mehrere Menschen starben. „Nach dem Anschlag ist die Stimmung schlechter geworden“, sagt Stärk, „ich mache mir große Sorgen.“ Er hat noch nicht entschieden, ob er überhaupt noch einmal nach Kabul zurückkehrt.

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