Afrika-Cup : Nach der Trauer kommen die Zweifel

Die Organisatoren des Afrika-Cups wirken nach dem Anschlag auf die Mannschaft Togos überfordert.

Olaf Jansen[Luanda]
317801_0_1caf33e3.jpg
Schutz mit Patronen. Der Teambus der Elfenbeinküste wird von einer bewaffneten Militäreskorte durch Cabinda begleitet. -Foto: Reuters

Die Stimmung im Stadion „11. November“ war bedrückend, als am Sonntagabend der 27. Afrika-Cup mit einer Schweigeminute zum Gedenken an die togoischen Attentatsopfer eröffnet wurde. Nichts mehr war übrig von der fröhlichen Eröffnungsfeier in tropischem Ambiente, mit der die knapp 50 000 Fans zuvor auf das Eröffnungsspiel der afrikanischen Kontinentalmeisterschaft eingestimmt worden waren.

Stunden zuvor hatte Issa Hayatou seine Müdigkeit nicht mehr verbergen können. Der Präsident des Afrikanischen Fußballverbandes CAF schlurfte am Mittag in gebeugter Haltung und mit Ringen unter den Augen zur Vertragsunterzeichnung mit einem neuen Sponsor. Afrikas Fußball hat in den Tagen vor dem Eröffnungsspiel, in dem Angola nach einer 4:0-Führung noch 4:4 gegen Mali spielte, mehr gelitten als je zuvor.

Der Anschlag auf Togos Nationalmannschaft; der reflexhafte Vorwurf von CAF- Offiziellen, das Team habe selbst Schuld, weil es die Richtlinien zur Turnieranreise nicht befolgt habe; schließlich das Informations-Chaos: Auch zwei Tage nach dem Anschlag gibt es kein offizielles Statement der Turnierveranstalter zur Zahl der Opfer. Sind es zwei oder drei? Wird Togo nun doch antreten? Issa Hayatou will oder kann diese Fragen am Mittag nicht beantworten, er verzieht nur das Gesicht. So sieht Überforderung aus.

Entsprechend wachsen die Zweifel an den Organisatoren. „Das ganze Turnier sollte abgesagt werden“, forderte Togos Nationaltrainer Hubert Velud. Dabei hatten seine Spieler beschlossen, doch anzutreten. Mittelfeldspieler Alaixys Romao sagte: „Unsere Herzen sind gebrochen, aber wir können uns jetzt nicht davonmachen wie feige Kälber, sondern müssen uns verhalten wie echte Männer.“ Doch Togos Ministerpräsident Gilbert Houngbo beorderte das Team in die Heimat zurück. „Die Entscheidung der Regierung ist unabänderlich“, sagte er, „die Mannschaft muss zurückkehren.“ Am Abend ist das Team mit dem Flugzeug des Staatspräsidenten abgereist. „Wir müssen um unsere Toten trauern“, sagte Kapitän Emmanuel Adebayor beim Betreten des Flugzeugs, „wir fliegen nach Hause, um das zu tun.“ Das Team soll in Togo an der Beisetzung teilnehmen. Houngbo rief eine dreitägige Staatstrauer aus.

Togos Spieler hatten zuvor heftig diskutiert, ob sie antreten sollten. Ein Assistenztrainer und der Pressesprecher waren bei dem Angriff am Freitag getötet worden, möglicherweise auch ein Busfahrer. Ersatztorhüter Kodjovi Obilale, der von einer Kugel getroffen worden war, ist in Johannesburg operiert worden. Nach Angaben des behandelnden Arztes hat er den Eingriff gut überstanden. Er wird jedoch noch künstlich beatmet.

CAF-Präsident Hayatou war am Samstag nach Cabinda geflogen und hatte die vier Teams der Gruppe B zu einer Konferenz bestellt, um ihnen vom Plan der angolanischen Regierung zu berichten. Die Militärpräsenz in der umkämpften Exklave solle verdoppelt werden, die Teams seien damit in Sicherheit. „Auch unsere Spieler sind total verängstigt“, gab Kessè Lambert, Vize-Präsident des Fußballverbandes der Elfenbeinküste zu bedenken. Wie Ghana hatten auch die Ivorer einen Boykott des Turniers ins Auge gefasst – jedenfalls forderte Lambert: „Wenn ihr wollt, dass wir bleiben, verlangen wir von euch, dass ihr unsere Sicherheit garantiert.“

Ob die CAF das kann? Daran wird immer mehr gezweifelt, zumal die Separatistengruppe, die sich zu dem Überfall bekannt hat, weitere Anschläge am Austragungsort Cabinda angekündigt hat. Der deutsche Arzt der algerischen Mannschaft, der Bochumer Joachim Schubert, berichtete: „Die Stimmung in der Mannschaft ist geteilt. Die einen würden lieber abbrechen, die anderen wollen spielen.“ Die Algerier haben ihr Quartier in der Hauptstadt Luanda, die als sicher gilt, trotzdem kann Karim Matmour, Stürmer von Borussia Mönchengladbach, die Bedenken der Togolesen verstehen: „Wir haben im November bei den WM-Qualifikationsspielen in Ägypten am eigenen Leib Gewalt erfahren, als wir mit Steinen beworfen worden sind. Das war schon schlimm. Aber beschossen zu werden ist natürlich noch viel gravierender. Ich könnte die Togolesen absolut verstehen, wenn sie nicht mehr spielen wollen.“

Für Mannschaftsarzt Schubert kommen die Turnierverantwortlichen ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Teilnehmern nicht ausreichend nach: „Als wir hier angekommen sind, gab es am Flughafen keinerlei Sicherheitsvorkehrungen. Wir mussten über eine Stunde zwischen allen anderen Reisenden auf unser Gepäck warten, wurden überhaupt nicht abgeschirmt. Die Spieler waren potenziellen Attentätern gegenüber völlig ungeschützt.“ Angesichts solcher Einschätzungen sind auch viele europäische Klubs, deren Spieler beim Afrika-Cup antreten, beunruhigt. „Das Turnier muss abgesagt werden, die Spieler müssen sofort zu ihren Klubs nach Europa zurückkehren“, fordert Phil Brown, der Chef des englischen Erstligisten Hull City. Und Tottenhams Trainer Harry Redknapp fragt: „Müssen erst weitere Leute erschossen werden, bevor sie verstehen, dass sie die Sache abbrechen müssen?“

Schon jetzt steht fest, dass das Image des afrikanischen Fußballs gelitten hat wie selten zuvor. Sogar die WM in Südafrika wird in Mitleidenschaft gezogen. Das Geschehen in Angola bestätigt jene, die an der grundsätzlichen Fähigkeit Afrikas zweifeln, ein sportliches Großereignis mit allen erforderlichen Sicherheitsstandards auf die Beine zu stellen. Daher klingt WM-Organisationschef Danny Jordaan auch beinahe flehentlich, wenn er bittet, die Situation differenziert zu betrachten. „Vor der WM in Deutschland hat auch keiner um seine Sicherheit gefürchtet, als es Kriegshandlungen im Kosovo gab. Die Sicherheit in einem Land wie Südafrika ist nicht automatisch gefährdet, weil es in einem anderen Land Afrikas einen Terroranschlag gegeben hat.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben