Sport : Afrikas starke Außenseiter

Angola, Ghana und Togo vor der WM-Qualifikation

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Vor Jahren wagte Fußballstar Pelé die Prognose, spätestens 2006 werde ein Team aus Afrika Weltmeister. Inzwischen sieht die Realität anders aus: Nach Südafrika droht mit Nigeria ein weiteres Topteam des Kontinents schon in der Qualifikation zu scheitern. Gewinnt Gruppenrivale Angola am Wochenende sein letztes Spiel in Ruanda, hätten die Kicker aus der früheren portugiesischen Kolonie im direkten Vergleich mit Nigeria die bessere Tordifferenz und würden erstmals zu einer WM reisen. Auch die als Außenseiter gehandelten Teams aus Ghana und Togo hegen Hoffnung, erstmals an einer WM-Endrunde teilzunehmen. Von den etablierten Fußball-Nationen scheinen sich diesmal nur Tunesien und Kamerun durchzusetzen. Die Kameruner stehen vor ihrer fünften WM-Teilnahme, müssen aber am Wochenende daheim noch Ägypten schlagen. Kamerun hat unter dem neuen Trainer Artur Jorge, der den Deutschen Winfried Schäfer abgelöst hat, alle bisherigen fünf Spiele gewonnen.

Das Scheitern der Favoriten könnte eine Zeitenwende im afrikanischen Fußball einläuten. Mitte der neunziger Jahre zu Hoffnungsträgern erklärt, werden Teams wie Südafrika, Nigeria und Senegal heutzutage von Korruption, fehlendem Gemeinsinn und mangelnder Vorausplanung gebremst. „Bei den großen Teams hat sich Arroganz breit gemacht“, konstatiert der bekannte südafrikanische Sportjournalist Mark Gleeson. „Anders als früher erfüllt zudem die Berufung ins Nationalteam viele in Europa beschäftigte Spieler nicht mehr mit Stolz.“ Und in Europa kicken viele. Etwa 80 Prozent von Afrikas Fußballtalenten spielen im Ausland. Der in Afrika beklagte „brain drain“, die Abwanderung der fähigsten Unternehmer, Politikwissenschaftler und Literaten, die anderswo beruflich besser vorankommen können, setzt sich im Fußball fort. Geformt wurden Stars wie George Weah, Sammy Kuffour oder Benny McCarthy in Übersee, nicht in Monrovia, Kumasi oder Kapstadt. Viele sind es leid, dass korrupte Funktionäre Fifa-Prämien in die eigene Tasche stecken.

Daneben wird in Afrika, wie in der Politik, die alte Streitfrage gestellt, ob nicht Europa die Schuld an der Misere trage. Schließlich würden die europäischen Teams wegen der zusätzlichen Strapazen ihre teuren Profis aus Afrika nur ungern freigeben. Doch auch viele Trainer der südafrikanischen Profiliga verweigern Nationaltrainer Stuart Baxter oft die Unterstützung. So gerät ein Nationalcoach rasch zwischen alle Fronten. Allein Südafrika hat in den letzten elf Jahren zwölf Trainer verschlissen. Auch Baxter steht vor der Entlassung.

„Mehr als an allem anderen mangelt es in Afrika an Organisation und Vorausschau jenseits des Spielfelds“, glaubt Experte Gleeson. In Nigeria brauchen Trainer und Funktionäre für ihre Ernennung vor allem politische Kontakte. Wer dann nicht schnell die hoch gesteckten Erwartungen seiner Gönner erfüllt, wird rasch wieder gefeuert. „Der Missbrauch fußballerischer Ressourcen ist in Afrika weit verbreitet“, sagt Gleeson. „Das ist ein hartnäckiges Problem, das Afrikas großen Fußballteams auf lange Sicht noch zu schaffen machen wird.“ Ein afrikanischer Weltmeister? Derzeit ist er nicht in Sicht.

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