Sport : Aha – ein Rennwagen!

Toyotas neues Formel-1-Auto ist nicht besonders spektakulär

Hartmut Moheit

Köln. Nötig war das Tuch nicht. Aber es gehört nun mal dazu. Wenn ein neuer Formel-1-Rennwagen vorgestellt wird, verhüllen die PR-Strategen vorher das Auto. Bei Ferrari machen sie das natürlich mit einem roten Stoff, der traditionellen Farbe. Bei Toyota in Köln-Marsdorf haben sie auch Rot gewählt und versucht, die Enthüllung genauso spannend zu inszenieren wie die Italiener. Aber wie das so ist mit aufgebauter Spannung. Am Ende wurde ein ganz normales Formel-1-Auto sichtbar, der so genannte TF104.

Ein unspektakuläres Gefährt: keine besonders geformte Nase, kein toll geformter Flügel und auch keine optisch auffällige Verkleidung der Radaufhängungen – nichts, was den etwa 700 Gästen der Vorstellung den Mund hätte offen stehen lassen. Hätte das weiß-rote Auto der vergangenen Saison auf dem Drehteller gestanden, die wenigsten hätten es wohl bemerkt. BMW-Williams, Ferrari und auch McLaren-Mercedes versprechen allein schon von der Optik mehr. Und mit diesem Rennauto will Toyota in seiner dritten Saison in der Formel 1 die führenden Teams in Gefahr bringen?

Gustav Brunner jedenfalls ist überzeugt, dass das gelingen kann. Muss er auch, sonst würde der Österreicher seine Arbeit als Chefdesigner schon selbst nicht genügend würdigen. Schließlich war er 2001 für viel Geld von Ferrari abgeworben worden. Im vorigen Jahr ist er wegen ausbleibender Top-Resultate bereits in die Kritik gekommen. „Die großen Veränderungen sind wirklich nicht auf den ersten Blick sichtbar, aber wir haben einen großen Sprung nach vorn geschafft“, sagt Brunner, ohne ins Detail zu gehen.

Der „Reißbrett-Nomade“

Ein Formel-1-Auto entsteht im Kopf, aber auch im Bauch – nur 50 Prozent ist Wissenschaft. Das unterstreicht die besondere Rolle, die Brunner einnimmt. Die Schweizer Fachzeitschrift „Motorsport aktuell“ bezeichnete ihn mal als „Reißbrett-Nomaden“ – der Österreicher hat nichts dagegen. „2003, das waren doch mehrere Kinderkrankheiten“, sagt er. Toyota kam da in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft nur auf Rang acht unter zehn Teams. Dass Toyota gestern einen Einblick in die eigentlich geheimen Produktionsstätten erlaubte, bis hin zur Motorenfertigung, und sogar den Windkanal öffnete, spricht für grenzenlosen Optimismus – dem vielleicht ein gesundes Stück Realismus fehlt. Olivier Panis, seit 1994 in der Formel 1 und seitdem bereits beim fünften Team als Fahrer unter Vertrag, bestätigt diesen Eindruck. Panis sprach von einem „Supergefühl, dieses Auto wird uns nach vorn bringen“. Der 37-jährige Franzose durfte in dieser Woche in Le Castellet als Erster ein paar Runden fahren. Allerdings ist Panis klug genug, das Roll-out nicht als Maßstab zu nehmen. Für den zweiten Fahrer bei Toyota, Cristiano da Matta aus Brasilien, beginnt das richtige Testprogramm erst in der kommenden Woche in Barcelona: „In dieser Saison kenne ich wenigstens, bis auf die neuen Kurse, alle Rennstrecken. Allein dadurch sollte ich schon besser abschneiden können.“

Mit 900 Pferdestärken

Das sieht Norbert Kreyer, der als Generalmanager für Rennen und Tests bei Toyota arbeitet, nicht anders. Der Deutsche aus Niederzissen nennt dafür den Motor als Herzstück. Etwa 900 Pferdestärken leistet er und ist fast sieben Kilogramm leichter geworden, „was in der Szene absolut konkurrenzfähig ist“. In Verbindung mit einem von dem Engländer Mike Gascoyne entwickelten Chassis-Aerodynamik-Paket soll es 2004 aufwärts gehen. „Ich sehe den fünften Rang in der Konstrukteurs-WM als ein reales Ziel“, sagt Kreyer. „Erst in Barcelona, wo alle Top-Teams ebenfalls sein werden, wissen wir, wo wie wirklich stehen.“

Das erwartet die Konzernspitze in Tokio auch, die Zeit der erlaubten Anfängerfehler ist vorbei. In der Höhe des Budgets kann Toyota mit den Besten mithalten. Tsutomu Tomita, der den Schweden Ove Andersson als Teamchef ablöste, dementierte jedoch, dass es sich um 500 Millionen Euro handeln solle: „So viel ist es auch nicht.“ Das gehört zur Geheimnistuerei, die in der Formel 1 Methode hat. Wegschließen, abschirmen oder zudecken – darin sind alle Weltmeister. Auch im Zirkus öffnet sich schließlich ein Vorhang, obwohl jeder weiß, was ihn erwartet. Die Bezeichnung „Formel-1-Zirkus“ trifft auf den Tag einer Präsentation am ehesten zu. Gestern war Toyota die große Nummer.

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