AHORNBlätter (1) : Die rote Faust

Wolfram Eilenberger war shoppen und hat sich für die Eröffnungsfeier mit Fausthandschuhen eingedeckt – ganz so, wie es sich für einen "echten Kanadier" gehört.

Wolfram Eilenberger
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Vom See her peitscht der Wind eisig durch die Straßen. Wir harren geduldig im Schneeregen. Eine Traube von hundert Menschen, eher mehr. Und noch gut eine halbe eine Stunde, bis das Kaufhaus öffnet. Es geht nicht um Eishockeytickets, nein, sondern um Handschuhe. Direkt neben mir unterhalten sich zwei junge Mütter, zu welchem Preis sie die Pärchen morgen bei Ebay anbieten können. Denn was dem deutschen WM-Enthusiasten von 2006 sein Autofähnchen war, sind dem kanadischen Patrioten von 2010 seine roten Wollfäustlinge mit Olympialogo. Drei Millionen Stück sind hier in Kanada bereits verkauft worden. Jeder zehnte Einwohner besitzt also ein Pärchen. Und das heute ist die allerletzte Lieferung vor den Spielen. Heißt es.

Endlich geht es los. "Vier Pärchen Maximum!“, ruft die Verkäuferin, und wird von der Menschentraube fast niedergetrampelt. Als ich meine Beute an die Kasse bringe, glüht das Herz vor Freude. Die sind aber auch wirklich schön! Flauschig weiche Wolle in grobem Raster, wie von Großmutter am Kamin gestrickt. Rustikal in der Anmutung, doch warm im Innern, streng in der Form, aber mit Liebe zum Detail. Auf den Rücken sind die olympischen Ringe und der Schriftzug "Vancouver 2010“ gestickt, in die Innenfläche aber, als eigentlicher Clou, ein silbrig schimmerndes Ahornblatt. Sinnbild eines zurückhaltenden, doch bestimmten Landesstolzes. Preiswert sind sie ebenfalls, 10 Dollar das Pärchen (7 Euro), und natürlich sozial, denn der Reinerlös der Aktion kommt der kanadischen Sporthilfe zugute. Alles, was ich an Kanada liebe, zeigt sich in diesen Fäustlingen.

In der U-Bahn nach Hause genieße ich die neidischen Blicke meiner Sitznachbarn und male mir aus, wie das wohl aussehen wird zur Eröffnungsfeier, wenn zehntausende Kanadier gleichzeitig die Arme in die Luft strecken und geschlossen ihre Ahorn-Fäustlinge zeigen. Wunderbare Spiele werden das, kein Zweifel. Mal sehen, was das Etikett sagt. Maschinenwaschbar, prima. 100 Prozent Polyacryl, lese ich weiter. Und: Made in China. Hm. Das behalte ich dann doch wohl besser für mich.


Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Schriftsteller und langjähriger Kolumnist des Tagesspiegel ("Live aus dem Elfenbeinturm"). Er lebt, schreibt und lehrt in Toronto, Kanada und schreibt im Wechsel mit Benedikt Voigt die Kolumne "AHORNBlätter".

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