AHORNBlätter (7) : Eishockey? Pah!

Wolfram Eilenberger erbringt den ultimativen Beweis: Es gibt tatsächlich Kanadier, die sich nicht für Eishockey interessieren. Dafür muss sich unser Kolumnist aber schon ins Wasser begeben.

Wolfram Eilenberger
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Der Plan lautete folgendermaßen: Gegen 20.15 Uhr Toronto Ortszeit auf den Weg zur Schwimmhalle der Universität machen, mich unterwegs über die menschenleere U-Bahn wundern und schließlich darüber, das Becken des Athletic Centers ganz für mich allein zu haben – obwohl es doch dienstagabends normalerweise immer besonders voll ist. So weit gekommen, wollte ich Sie, werte Leser, dazu auffordern, sich ein Berliner Schwimmbad vorzustellen, just zu dem Zeitpunkt, da Deutschland gegen Costa Rica die Fußball-WM 2006 eröffnete – denn so hätten Sie ein Bild von der alles überragenden Bedeutung, die dem olympischen Eishockeyturnier 2010 hier in Kanada zukommt. Ich meine, Kanadas Premierminister Stephen Harper hat bis März sogar sämtliche Parlamentssitzungen ausgesetzt. Manche behaupten, weil seine Minderheitsregierung sonst gestürzt wäre. Die meisten aber glauben, es liegt einfach daran, dass der gute Mann ungestört Eishockey gucken will.

Wie auch immer, Punkt 21 Uhr stehe ich am Beckenrand. Und was soll ich sagen: So groß war der Andrang noch nie! Das ganze Becken voll von ausgemergelten Akademikerleibern. Der Ansturm hat zweifellos Demonstrationscharakter. Als wollten die Hochschullehrer mit ihrem Massen-Swim-in sagen: Sieh her, Kanada, wir interessieren uns nicht für dein Eishockey! Wir gehen lieber schwimmen! Und morgen früh dann werden diese Gestalten ihre Nachbarn ganz beiläufig fragen, wie Kanada gegen Norwegen gespielt hat. „Ich habe das Spiel nämlich nicht gesehen, wissen Sie, ich war lieber schwimmen!“, werden sie hinzufügen. Pah! Wie ich diese Attitüde hasse!

Was er von dem Kasperltheater da draußen halte, frage ich den Bademeister in seinem Glashäuschen. „Wenn es das ist, was sie wollen …“, antwortet er und zuckt mit den Schultern, ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen. „Ist ja ein freies Land.“ Ja, ein freies Land. Das hat er schön gesagt. Ansonsten lief übrigens alles plangemäß. Kanada gewann sein Auftaktspiel 8:0.


Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Schriftsteller und langjähriger Kolumnist des Tagesspiegel ("Live aus dem Elfenbeinturm"). Er lebt, schreibt und lehrt in Toronto, Kanada und schreibt im Wechsel mit Benedikt Voigt die Kolumne "AHORNBlätter".

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