AHORNBlätter (9) : Der liebe Nachbar

Wolfram Eilenberger versteht sich gut mit seinem Nachbarn, sehr gut sogar. Doch jetzt liegt ein Schatten auf der Beziehung: Der Sportteil der Zeitung fehlt - und es gibt nur einen Verdächtigen.

Wolfram Eilenberger
322464_0_ce633c54.jpg

Jeden Morgen Punkt vier Uhr klingelt bei uns der Wecker. Nicht unser Wecker, sondern der des Nachbarn unter uns. Dünne Wände, leider. In Deutschland wüsste ich, was den Mann dieser Tage so früh aus dem Bett treibt: Olympia gucken. Klar. Aber wir leben in Kanada. So kann ich über die Motive nur vage Vermutungen anstellen. Das Einzige, was ich sicher weiß, ist, dass er meine Zeitung liest.

Die liegt nämlich ab 4 Uhr 30 auf der Schwelle, meiner Schwelle, von wo sie der Nachbar schnappt, um sie gegen halb sieben, kurz bevor ich offiziell aufstehe, wieder sorgfältig eingerollt zurückzulegen. Manchmal ist die Reihenfolge der Bögen vertauscht, selten ein Kaffeefleck auf dem Politikteil. Es stört mich kaum. Außerdem benutze ich seit meinem Einzug seinen Kabelanschluss. Er zahlt unten, ich gucke oben für lau mit. So leben wir also seit Monaten in beschwerdefreier Symbiose. Eine sehr kanadische Lösung, wie ich denken will.

Heute aber fehlte – schon zum zweiten Mal in dieser Woche – der Sportteil. Da hört der Spaß auf. Als ich das Haus verlasse, treffe ich den Nassauer im Vorgarten. „Deutschland schlägt sich sehr gut“, sagt er, „führt sogar in der Nationenwertung.“ Aha, er will nett sein. „Leider nicht mehr“, erwidere ich, „die Amerikaner haben gestern dreimal Gold geholt. Hab’s im Kabelfernsehen gesehen.“ So, irgendwann musste es raus. Was wird er jetzt sagen? Etwa: „Stimmt, stand heute groß in der Zeitung.“ Nein, das sagt er nicht, sondern: „Sonntag wird abgerechnet.“

Sonntag spielt Kanada gegen die USA im Eishockey. Die Schlacht um Nordamerika. Die USA sind ja der einzige direkte Landesnachbar der Kanadier – wohnen sozusagen direkt untendrunter. Besonders gut leiden können sie die Amerikaner allerdings nicht, obwohl Kanada gerade wirtschaftlich enorm von ihnen profitiert. So ist das hier, mit der Nachbarschaft. 


Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Schriftsteller und langjähriger Kolumnist des Tagesspiegel ("Live aus dem Elfenbeinturm"). Er lebt, schreibt und lehrt in Toronto, Kanada und schreibt im Wechsel mit Benedikt Voigt die Kolumne "AHORNBlätter".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben