Sport : Aktenzeichen Davis Cup noch ungelöst: Wer spielt in Bukarest?

Jörg Allmeroth

Im Hinterhof des mächtigen Arthur-Ashe-Stadions, auf den kleinen Tennisbühnen der US Open, war der Davis-Cup-Kapitän den ganzen Abend auf Trab: Doch nach ausgiebiger Beobachtungsmission und Kandidatensuche zwischen den Außencourts 8 bis 13 war der Carl-Uwe Steeb "genauso schlau wie vorher" und konnte nur mit leiser Ironie konstatieren, er habe für den Abstiegskampf gegen Rumänien "nicht gerade die Qual der Wahl".

Knapp vier Wochen vor dem Relegationsspiel im Sand von Bukarest blieb die raumgreifende Fahndung nach einem zweiten potentiellen Helden, der dem DTB den Sturz in die Zweitklassigkeit ersparen könnte, ohne Resultat: Aktenzeichen Davis Cup ungelöst. Da konnte Steeb auch der an den Schauplatz New York gereiste Schlägersänger Roberto Blanco nicht weiterhelfen, der den Nationalmannschafts-Boss ungebeten von Court zu Court begleitete und selbst DTB-Präsident Karl Weber in Aufstellungsdiskussionen verstrickte.

Die Erstrunden-Paradoxie von Flushing Meadow verschärfte Steebs Probleme eher noch: Während die starken Sandplatzspieler wie Hendrik Dreekmann (4:6, 1:6, 4:6 gegen Paul Haarhuis), Jens Knippschild (3:6, 7:6, 5:7, 3:6 gegen Vince Spadea) und Reiner Schüttler (4:6, 3:6, 4:6 gegen Christian Ruud) ausschieden, spielte sich mit dem Qualifikanten Michael Kohlmann ausgerechnet ein Nebendarsteller in den Vordergrund, der laut Steeb "auf Sand einfach nicht zuhause ist und uns in Bukarest nicht weiterhelfen kann". Pikant genug, dass der unscheinbare Kohlmann zu allem Überdruss auch noch Rumäniens Nummer eins Andrej Pavel 2:6, 6:4, 6:3, 3:6 und 6:2 bezwang.

Nun trifft Kohlmann in einem innerdeutschen Duell auf den Davis-Cup-Boykotteur Nicolas Kiefer, der nach seinem mühsamen 6:4, 6:3, 1:6, 4:6, 6:3-Erfolg über Jason Stoltenberg (Australien) noch einmal seine Spielabsage für die Relegation bekräftigte. Der Niedersachse erklärte allerdings seine Bereitschaft, nach der Rumänien-Partie über eine Rückkehr zu sprechen. Die Konfusion über ein Mitte Juli Steeb gegebene, dann aber urplötzlich wieder zurückgezogene Zusage für Bukarest mochte Kiefer nicht aufhellen: "Ich sage gar nichts mehr zu dem Thema, bis die US Open vorüber sind." Allerdings meldete sich selbst Kiefers Manager Stephan Holthoff-Pförtner noch einmal mit der Bemerkung zu Wort, "dass der Nicolas sich mit diesem Rückzug keinen Gefallen tut" und sicherlich "Imageprobleme zu befürchten hat". Holthoff-Pförtners Vermutung: "Kiefer hat Angst vor einer Niederlage und der Aussicht, der Sündenbock für die ganze Nation zu sein."

Wer Kiefer in Rumänien ersetzen soll, ist in diesen Tagen das derzeit meistdiskutierteste Thema im deutschen Tennis. Die Entscheidung berührt auch die politische Gemengelage in der deutschen Szene, in der viele nicht miteinander, sondern übereinander reden. Eine der brisanten Frage lautet: Kann es sich das Duo Becker/Steeb leisten, auf den Schützling des Sportwartes Dirk Hordorff, den Weltranglisten-48. Rainer Schüttler, zu verzichten? Die Spannungen mit Hordorff dürften sich bei einer Nichtberücksichtigung Schüttlers noch verstärken.

Manche Experten sähen in Haas und dem seit Jahren zum Davis-Cup-Team zählenden David Prinosil die ideale Ersatzkonstellation. Haas und Prinosil könnten dabei alle Einzel spielen und auch im Doppel antreten, wie zuletzt schon einmal beim World Team Cup gegen Schweden. Doch eine solche Berufung wäre für Becker und Steeb äußerst heikel, da nicht nur Steeb Klient in Beckers Marketingfirma BBM ist, sondern seit einigen Wochen auch Prinosil.

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