Aktivisten aus aller Welt : Olympische Protestwelle

Die Staatsmacht ist herausgefordert durch Aktivisten aus aller Welt - und die vielfältigen Protestaktionen am Mittwoch sind nur der Anfang, schreibt unser China-Korrespondent Harald Maass.

Harald Maass[Peking]
Tibet
Protestarena. Tibet-Aktivist, Transparent, Olympiastadion.Foto: AFP

Zwölf Minuten schafften es vier Aktivisten, die geballte chinesische Staatsmacht herauszufordern. Dann hatten Polizisten die Frau und drei Männer von der New Yorker Organisation "Studenten für ein freies Tibet" von dem 40 Meter hohen Strommasten in der Nähe des Medienzentrums heruntergeholt. Vor den Augen von Sicherheitspolizisten und Sportfunktionären hatten sie dort am Mittwochmorgen zwei Protestbanner weithin sichtbar aufgehängt. "Tibet wird frei sein" stand darauf und in Anlehnung auf das offizielle Olympiamotto "Eine Welt, ein Traum, freies Tibet". Um die Banner von dem Strommasten zu bekommen, musste die chinesische Polizei Feuerwehrautos mit langen Leitern anrücken lassen.

Die Aktion dürfte erst der Anfang einer Serie von politischen Protesten sein, mit denen Menschenrechtsorganisationen, Exiltibeter und andere Gruppen während Olympia auf Probleme hinweisen wollen. Die Pekinger Behörden waren deshalb vorbereitet. Die nach Angaben der Chinesen zwischen 23 und 34 Jahre alten Aktivisten seien "nicht festgenommen" worden, betonte ein Sprecher des Pekinger Organisationskomitees (Bocog), nachdem die Behörden die Aktivisten weggebracht hatten. Auch ohne formale Festnahme ist das Ergebnis wohl das gleiche: Peking wird die Studenten vermutlich umgehend in ein Flugzeug setzten und außer Landes bringen. Man lehne "jeden Versuch ab, die Spiele zu politisieren", erklärte der Bocog-Sprecher. Eine Sprecherin der Organisation "Studenten für ein freies Tibet" erklärte, dass man derzeit keinen zu den abgeführten Aktivisten habe.

Selten hat ein Land für Olympia so scharfe Sicherheitskontrollen verhängt wie China. 100.000 Polizisten sind in der Hauptstadt im
Einsatz. Dazu kommen Tausende Nachbarschaftswärter, die mit roten Armbändern vor den Häusern sitzen und alles um sie herum beobachten. Peking will damit jeden Dissens, der das Bild einer "harmonischen und zivilisierten Gesellschaft" stören könnte, unterdrücken. Für die eigene Bevölkerung ist diese Taktik erfolgreich. Außer einigen Familien, die mit einem kleineren Protest auf  dem Platz des Himmlischen Friedens auf einen Immobilienstreit aufmerksam machen wollten, haben bisher keine Chinesen demonstriert. Die meisten Kritiker sind ohnehin im Gefängnis oder zwangsweise in Nachbarprovinzen: Dutzende Bürgerrechtler, Anwälte und Internetaktivisten wurden in den vergangenen Wochen und Monaten verhaftet und von der Staatssicherheit unter Druck gesetzt. Im Süden der Stadt wurde ein heimlich ein Auffanglanger errichtet, in denen die Behörden Bittsteller aus anderen Provinzen festgehalten.

Die größere Herausforderung sind Aktivisten aus dem Ausland. Tibetgruppen im Exil bereiten sich seit Jahren darauf vor, während der Spiele die Unterdrückungskampagne Chinas in dem Hochland anzuprangern. Eine Aktion ist, dass Sportler während der Spiele mit den Händen ein T formen sollen - als Symbol für die Lage Tibet. Der Versuch am Mittwoch, in einem Pekinger Hotel einen Dokumentarfilm über die Lage in Tibet auszustrahlen, wurde von der Polizei unterbunden.

Dafür gelang es einem US-Pastor mit einer Aktion in seinem Hotelzimmer, bei dem er künstliches Blut und Puppen verwendetet, auf die Verfolgung von Christen in China hinzuweisen. Die US-Schwimmerin Amanda Beard, die sich für den Tierschutz einsetzt, machet eine Protestmarsch auf der Straße und verteilte aus Protest gegen das Tragen von Pelzen Nacktfotos von sich selbst. Darfur-Gruppen, die Chinas wegen dessen Rolle im Sudan-Konfikt kritisieren, und religiöse Gruppen wie Falun Gong dürften für die nächsten Tage ebenfalls Proteste vorbereitet haben.

Das Risiko für die meist jungen ausländischen Aktivisten ist gering. China es sich nicht leisten, die Unruhestifter zu bestrafen oder gar ins Gefängnis zu werfen - der Aufschrei der Weltöffentlichkeit wäre zu groß. Stattdessen versuchte Peking die Proteste im Vorfeld einzudämmen, in dem es die Visapolitik verschärfte. Tausende junge Ausländer, die zum Teil Jahre als Sprachlehrer und Büroangestellte in China gearbeitet hatten, mussten im Vorfeld der Spiele das Land verlassen. Auch für Touristen und Geschäfteleute wurde die Einreise deutlich erschwert. Dem US-Eisschnellläufer und Goldmedailliengewinner von Turin, Joey Cheek, der sich für Darfur engagiert, verweigerten die chinesischen Behörden am Mittwoch kurzfristig die Einreise.

Trotz der Kontrollen wird Peking nicht alle Proteste unterbinden können. Für die Weltöffentlichkeit und auch den Erfolg dieser Olympischen Spiele wird viel davon abhängen, wie China mit diesen Kritikern umgeht. Am schlausten wäre es, wenn Peking den Protesten die Luft aus den Segeln nimmt, indem sie die ausländischen Demonstranten einfach gewähren lässt. Doch es ist fraglich, ob ein autoritäres System wie in China dazu fähig ist.

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