Sport : Aktuelle Geschichte

Eine Ausstellung erzählt über Juden im deutschen Fußball und Antisemitismus

Lars Spannagel

Berlin - Etwas gelangweilt sitzen die Jugendlichen auf den Stufen. Dann brandet Torjubel durch das Treppenhaus des Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße. Die acht Schüler der 9. Klasse der Neuköllner Wildmeister-Hauptschule drehen ihre Köpfe zum Eingang der Ausstellung. Torjubel ist offenbar seit diesem Sommer ein Schlüsselreiz für alle 15-Jährigen.

Heute werden sie etwas über Fußball lernen. Zum Beispiel, dass ein Jude den „Kicker“ gründete und maßgeblich daran beteiligt war, dass Fußball in Deutschland populär wurde. Dass ein Jude bei Olympia 1912 zehn Tore in einem Spiel für Deutschland schoss. Und dass sein kongenialer Sturmpartner in Auschwitz ermordet wurde. In Videos, auf Fotos und auf Wandtafeln erzählt die Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden“ von jüdischen Fußballern, Trainern, Funktionären und Vereinen. Auch vom TuS Makkabi Berlin.

Spieler des jüdischen Vereins Makkabi waren in Altglienicke am 26. September von Zuschauern so lange beschimpft und bedroht worden, bis sie das Spiel abbrachen. Der Berliner Fußball-Verband (BFV) will die Altglienicker Mannschaft als eine Art Erziehungsmaßnahme in die Ausstellung schicken, die Kuratorin Swantje Schollmeyer möchte gerne helfen. „Wir wollen uns mit dem BFV zusammensetzen und überlegen, was man den Leuten raten kann“, sagt sie. „Wenn Dinge passieren wie in Altglienicke, wie verhält man sich dann?“

Die Schüler bleiben vor einer Leinwand stehen, schwarz-weiße Spielszenen flimmern über ihren Köpfen. Der FC Bayern schlägt Eintracht Frankfurt im Finale um die deutsche Meisterschaft 1932 mit 2:0. Nur wenige Monate später muss Kurt Landauer, der jüdische Präsident des FC Bayern, zurücktreten. Der Arierparagraph der Nationalsozialisten duldet keine Juden in deutschen Sportvereinen. Jüdische Sportler gründen eigene Vereine, bis 1938 den Juden jeglicher Sport verboten wird.

Julius Hirsch und Gottfried Fuchs, die einzigen jüdischen Nationalspieler, die Deutschland je hatte, werden vom Nazi-Terror eingeholt. Gottfried Fuchs flieht über die Schweiz, Frankreich und England nach Kanada. Julius Hirsch wird nach Auschwitz deportiert und ermordet. Zusammen hatten sie von 1911 bis 1913 den deutschen Sturm gebildet, Fuchs gelang mit seinen zehn Toren beim 16:0 gegen Russland ein wohl ewiger Rekord. Swantje Schollmeyer zufolge spielen heute nur drei Juden in der Bundesliga, alle drei sind Ausländer: Juan Pablo Sorin (HSV), Tomas Galasek und Glauber (beide Nürnberg).

Die Jugendlichen stehen lange vor den Plakaten, die Antisemitismus in deutschen Stadien heute zeigen. Zum Beispiel das Foto, auf dem deutsche Zuschauer beim Länderspiel 1996 in Polen ein Plakat hochhalten: „Schindler-Juden – Wir grüßen euch.“ Die Schüler verstehen den Spruch nicht, auf Nachfrage des Lehrers stellt sich heraus, dass keiner von ihnen den Film „Schindlers Liste“ gesehen hat oder die Geschichte dahinter kennt. Auch das möchten die Macher der Ausstellung ändern, zum Beispiel in Projekttagen. Die Schüler berichten, das Wort „Jude“ sei in ihrer Umgebung relativ oft zu hören. Als Schimpfwort. Wie reagieren sie darauf? „Wenn’s nicht an mich gerichtet ist, ignoriere ich es“, sagt ein Mädchen überzeugt.

Wann die Altglienicker in die Ausstellung kommen, steht noch nicht fest.

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