Sport : Alba Berlin: Die Kunst zu spielen

Benedikt Voigt

Jörg Lütcke saß in der Abflughalle des Münchner Flughafens und wartete auf einen Flug, mit dem er niemals fliegen wollte. "Mir ist mulmig", sagte der Basketballprofi von Alba Berlin. Zuvor hatte er auf Wunsch eines isarelischen Sicherheitsbeamten sein Gepäck öffnen müssen, um überprüfen zu lassen, ob ein Fremder etwas hineingetan hat. Dann hatte er die Frage beantworten müssen, ob er Bekannte im Gaza-Streifen oder der Westbank habe und ob er vorhabe, sich in Israel von seiner Gruppe zu entfernen. Schließlich wartete Lütcke auf den Flughafenbus zum El-Al-Flug LY 354 nach Tel Aviv und sagte: "Ich war gegen dieses Spiel."

Er steht mit dieser Meinung bei Alba Berlin nicht allein da. "Ein Großteil der Mannschaft war dagegen", erklärte Mannschaftskapitän Henrik Rödl. Doch am Ende hatte das Präsidium gegen das Votum der Mannschaft beschlossen, zum heutigen Euroleaguespiel bei Maccabi Tel Aviv (21 Uhr MEZ) zu reisen. Entsprechend verstimmt wirkte so mancher Alba-Spieler während des vierstündigen Fluges nach Tel Aviv. "Dass einige mit dieser Entscheidung unglücklich sind, ist bei jeder derartigen Entscheidung so", sagte der Mannschaftskapitän nach der Landung.

Alba hatte es jedem einzelnen Spieler freigestellt, nach Tel Aviv mitzufahren. "Ich glaube das", sagt Rödl, "es hätte niemals Druck vom Vorstand gegeben, wenn einer zu Hause geblieben wäre." Als jedoch am Mittwoch um 9 Uhr morgens auch die beiden US-Amerikaner Wendell Alexis und Derrick Phelps vor dem Flugschalter in Tegel auftauchten, war klar, dass alle Spieler mitfahren würden. Rödl lobte das als Zeichen der Einheit der Mannschaft. "Ich bin Angestellter des Vereins", begründete Jörg Lütcke seine Anwesenheit, "außerdem fühlt man sich der Mannschaft verpflichtet." Sah er überhaupt eine Chance, sich persönlich gegen diese Reise zu entscheiden? "Kein Kommentar." Das sagt auch Marco Baldi, der mit seinen Präsidiumskollegen die Entscheidung für die Reise getroffen hatte. Der sonst so eloquente Vizepräsident erklärte, auf der Israel-Reise keine Statements abgeben zu wollen.

Von einer Spannung zwischen Mannschaft und Vorstand wollte Henrik Rödl zwar nicht sprechen. Allerdings entsprach das Resultat der Sitzung vom Dienstagabend exakt dem Gegenteil einer "gemeinsamen Entscheidung", wie sie Marco Baldi immer gefordert hatte. "Man kann nicht wirklich von einer gemeinsamen Entscheidung sprechen", sagte Mithat Demirel vorsichtig. Neben der ohnehin belastenden Israel-Reise müssen sich die Alba-Spieler nun auch mit dem umstrittenen Beschluss ihres Präsidiums auseinander setzen. "Wir nehmen die Ängste unserer Spieler sehr ernst", hatte Baldi gesagt. Ein Satz, der unglücklich wirkt, wenn das Präsidium am Ende eine Entscheidung gegen die Meinung des Teams fällt. Trotzdem empfand der Mannschaftskapitän die Art der Abstimmung als demokratisch. "Die Mannschaft hat die Möglichkeit gehabt, ihre Meinung kundzutun, und am Ende hat uns der Verein ausführlich erklärt, warum die Entscheidung so ausgefallen ist."

Spieler wie Wendell Alexis oder George Zidek wollten sich lieber gar nicht äußern. Und Jörg Lütcke war aufgewühlt. "Vater, Mutter und meine Verlobte, alle haben mir abgeraten; ein paar Freunde, auf deren Meinung ich großen Wert lege, sagten: Seid ihr bescheuert, wie könnt ihr jetzt da hinfahren?" Er wollte seine Entscheidung nicht Politikern und Diplomaten überlassen, die Israel für sicher halten. Also surfte Lütcke in den letzten Tagen im Internet. Er fand Länder, die im Gegensatz zum Auswärtigen Amt ausdrücklich vor Reisen nach Israel warnen. Zum Beispiel Australien.

Nun aber ist er in Israel und muss sich darüber Gedanken machen, wie man heute den Suproleague-Sieger und 42-fachen Israelischen Meister bezwingen kann. "Es ist ganz gut, wenn man auf dem Spielfeld steht", findet Derrick Phelps, der sich erst spät in der Nacht entschied, mit der Mannschaft zu fliegen. "Dann muss man nicht so viel über andere Dinge nachdenken." Lütcke hingegen dürfte das nicht so leicht fallen. "Sich auf das Sportliche konzentrieren", sagte er vor dem Einsteigen in das Flugzeug nachdenklich, "ja, das ist die Kunst."

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