Sport : Alba Berlin: Ein Tscheche namens George

Helen Ruwald

George ist da. Eigentlich heißt er ja Jiri, aber weil seine amerikanischen Kumpel den Namen nicht aussprechen konnten und er das ständige Vorsprechen ziemlich mühsam fand, nannte Jiri Zidek sich kurzerhand George, als er 1991 als 18-jähriger Basketballer an die University of California in Los Angeles (UCLA) kam. Nach sieben Jahren US-College und Nordamerikanischer Profiliga (NBA) ist ihm der Name geblieben, auch an seinem neuen Wohnort Berlin. Der Deutsche Meister Alba Berlin hat ihn nach den Eskapaden um den suspendierten Dejan Koturovic als neuen Center verpflichtet.

Der Sohn des berühmtesten tschechischen Basketballers der siebziger Jahre und späteren Nationaltrainers Jiri Zidek senior saß bereits am Freitagabend auf der Tribüne der Max-Schmeling-Halle, als Alba ein Testspiel gegen Slask Wroclaw 74:72 gewann. Da hatte Zidek schon einiges hinter sich. Mittags war er aus Prag angekommen, nach der medizinischen Untersuchung folgten Fototermine und die Unterzeichung des Einjahresvertrages. Gestern trainierte Zidek erstmals mit Alba, am Freitag soll er zum Bundesligaauftakt gegen den Mitteldeutschen BC bereits zum Kader gehören.

Was noch fehlt, ist die Freigabe vom spanischen Verband. Baldi ist sicher, dass sie "Anfang der Woche kommen wird". Schließlich hatte Vizemeister Real Madrid den Vertrag wegen einer geänderten Ausländerregelung nicht verlängert. Ein Angebot von Hapoel Jerusalem lehnte Zidek ab, weil er auf Grund der Sicherheitslage Bedenken hatte, "meine Frau und meinen einjährigen Sohn Jan mit nach Israel zu nehmen". Als Anfang der Woche Albas Angebot kam, "habe ich sofort zugesagt. Der Klub ist gut organisiert und spielt in der Euroleague."

Lieber als in Deutschland würde Zidek, bislang einziger Tscheche in der NBA, wieder in den USA Körbe werfen. Doch nach einer extrem langen Saison in Spanien fehlte dem 2,12 Meter langen Center die Energie, um sich, wie in Amerika üblich, in einem Summer Camp erneut für die NBA zu empfehlen. Nach dem College-Meistertitel war er 1995 als Nummer 22 von den Charlotte Hornets gedraftet worden. In der ersten Saison bestritt er 71 seiner insgesamt 129 NBA-Spiele und wurde für das Rookie-All-Star-Game nominiert. Doch nach dem verheißungsvollen Auftaktjahr kam der Einbruch. Anfang 1997 wurde er zu den Denver Nuggets transferiert, später zu den Seattle Supersonics. 1998 wechselte er nach Litauen zu Zalgiris Kaunas und wurde ein Jahr später Europaliga-Sieger. Nächste Station war im Frühjahr 2000 Ülker Istanbul, wo er in den Play-offs Dejan Koturovic ersetzte, der sich mit dem Trainer überworfen hatte. Anschließend unterschrieb er in Madrid, Koturovic in Berlin. "Er schießt gut von außen und wird ganz gut ins Team passen", sagt Teoman Öztürk, der mit Zidek bei Ülker spielte. Auch einen weiteren Alba-Spieler kennt der Tscheche: seinen Nationalmannschaftskollegen Milan Soukup.

Über den Grund für Jiri-Georges Anwesenheit hätten die Berliner am liebsten gar nicht geredet. Dejan Koturovic, der den Deutschen Meister durch zweimalige eigenmächtige Verlängerung seines Sonderurlaubs in den vergangenen drei Wochen zu hektischem Aktionismus trieb, ist in Berlin wohl nicht mehr erwünscht. "Uns interessieren Spieler, die hier sind. Die, die nicht hier sind, interessieren uns entsprechend weniger", sagt Baldi. Für die nächsten Tage hat Alba eine Entscheidung über die Zukunft des Jugoslawen angekündigt. Nach drei Operationen betreibt der Center sein eigenes Aufbauprogramm, weil ihm die medizinische Betreuung in Berlin nicht zusagt. Sein Vertrag läuft noch ein Jahr, eigentlich. Ob Koturovics Verfehlungen einen sofortigen Rausschmiss möglich machen würden, wurde Baldi bei der Pressekonferenz zu Zideks Vorstellung gefragt. "Das ist hier kein juristisches Seminar", blaffte Baldi ungewohnt scharf zurück. Am liebsten hätte er wohl ein Koturovic-Frageverbot verhängt. Die Spirenzchen ihres Leistungsträgers haben den Verantwortlichen ziemlich zugesetzt, wo sie doch sonst so darauf bedacht sind, alle Probleme intern zu klären, damit das Bild von Albas heiler Welt keinen Riss bekommt. Als Koturovic plötzlich weg war, ging diese Taktik nicht mehr auf.

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