Alba Berlin : Ein Verein unter vielen

Alba Berlin hat seine Ausnahmestellung im deutschen Basketball endgültig verloren und einen Abstieg vollendet, der sich seit zehn Jahren angedeutet hat.

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Endstation München: Alba Berlins Trainer Sasa Obradovic und sein Spieler Derrick Byars nach dem Viertelfinal-Aus beim FC Bayern.
Endstation München: Alba Berlins Trainer Sasa Obradovic und sein Spieler Derrick Byars nach dem Viertelfinal-Aus beim FC Bayern.Foto: Camera 4

Der Jubel in der Familie Pesic war so groß, als hätte sie gerade mit den Basketballern des FC Bayern München einen wichtigen Titel gewonnen. Trainer Svetislav Pesic nahm glücklich seinen Enkel zu den Fernsehinterviews auf dem Parkett der Münchner Halle mit, sein Sohn und Sportdirektor Marko Pesic klatschte euphorisiert jeden bekannten und unbekannten Zuschauer ab, der vor seine Handflächen kam. „Wir sind natürlich stolz“, erklärte Svetislav Pesic, „es ist unser erstes großes Resultat.“ Es klang, als würde es für den Rauswurf von Alba Berlin mit 3:0-Siegen im Play-off-Viertelfinale bereits einen Titel geben. Womöglich aber will Svetislav Pesic noch nicht wahrhaben, dass Alba Berlin schon lange nicht mehr jener Klub ist, den er im Jahr 2000 verlassen hat.

Die Berliner haben in München einen Abstieg vollendet, der sich seit zehn Jahren andeutet. Alba führt nicht mehr den deutschen Vereinsbasketball an, sondern ist nur noch ein Klub von vielen. Das zeigen auch die Zahlen dieser Saison: Alba ist der Klub in Deutschland mit der größten Halle, dem drittgrößten Etat und dem fünftbesten Team. Am deutlichsten formulierte Heiko Schaffartzik den neuen Status. Der Nationalspieler hält es für falsch, alte Erfolge zum Maßstab zu nehmen. „Etwas, das früher war, wird jetzt darauf angewendet, was heute ist – das macht doch keinen Sinn“, erklärt der Aufbauspieler. „Zwei Titel in fünf Jahren, da kann man wirklich nicht davon sprechen, dass man der Krösus in irgendetwas ist.“ Trainer Sasa Obradovic sagt: „Wir wachsen, und werden in Zukunft noch wettbewerbsfähiger sein.“ So spricht ein Außenseiter.

Der Rollentausch trat im letzten Spiel der Serie gegen Bayern München auf dem Feld deutlich zu Tage. „Wir lagen 0:2 hinten und haben gegen eine Mannschaft gespielt, die zu Hause unter diesem Trainer noch nicht verloren hat“, sagt Schaffartzik, „also waren wir der krasseste Außenseiter, der man sein kann.“ Bayern ist erst mit einem höheren Etat an Alba Berlin vorbeigezogen – und nun auch sportlich.

Doch der Abstieg Albas manifestiert sich gar nicht so sehr an nicht erreichten Titeln. Zumal in dieser Saison mit dem Pokalsieg und dem Erreichen der Runde der besten 16 in der Euroleague auch zwei Erfolge zu verbuchen waren. „Es war eine extreme Saison mit großem Erfolg und großem Misserfolg“, sagt Geschäftsführer Marco Baldi. „Keiner kann diese Saison in eine negative gegen uns wenden“, glaubt Trainer Sasa Obradovic und entschuldigt das frühe Aus erneut mit den vielen Spielen und den vielen Verletzten. Eine größere Rotation hätte vielleicht geholfen, doch die hatten die Berliner nicht. „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr deutsche Talente fördern konnte“, sagt Obradovic, „das ist der Teil, worauf wir am meisten Energie verwenden müssen.“ Vor allem ist das der Teil, der den Abstieg der Berliner am deutlichsten zeigt.

Das Basketballprogramm von Alba hat im Spitzensport kein solides sportliches Fundament mehr. „Es ist schwer, einerseits junge Spieler zu integrieren, und andererseits Ergebnisse abliefern zu müssen“, sagt Baldi, der fast die einzige Konstante im Verein ist und nun auch unter Druck steht. Seit langem hat sein Klub keinen deutschen Spieler und auch keinen Franchise-Player mehr hervor gebracht. Ausländische Spieler wie Julius Jenkins (2006-2011) und Dashaun Wood (2011- 2013) waren von der Führungsrolle auf dem Feld überfordert. Nach dieser Saison dürften mal wieder alle Spieler auf dem Prüfstand stehen. Nur Schaffartzik besitzt noch einen Vertrag für die kommende Saison, doch ist sein Verhältnis zu Klubchef Baldi belastet. „Ich habe Sasa Obradovic und Mithat Demirel als Vorgesetzte und ganz oben kommt Marco Baldi – warum sollte ich mit ihm sprechen?“, fragt er.

Wie wackelig Albas Fundament ist, zeigt auch die Tatsache, dass die Berliner nun erneut über die Position des Trainers nachdenken müssen. „Sasa Obradovic ist ein akribischer Arbeiter mit Alba-Blut, aber er ist auch ein jüngerer Trainer“, sagte Baldi dem RBB, „wir müssen uns gemeinsam sehr sicher sein, dass wir den Weg auch gehen wollen.“ Andererseits wäre ein neuer Trainer der fünfte in vier Jahren. Auch das hat es bei Alba früher nie gegeben.

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