Alba Berlin in der Krise : Sturz in die Zweifel

Fünf Pleiten in Serie haben Alba Berlin plötzlich in die Sinnkrise gestürzt. Die gestanden Spieler scheinen verunsichert, zwei Neuzugänge enttäuschen. Und die Fans werden ungeduldig.

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Unscharfe Erinnerung. Alba Berlin spielte im Januar noch in der Euroleague gegen Real Madrid.
Unscharfe Erinnerung. Alba Berlin spielte im Januar noch in der Euroleague gegen Real Madrid.Foto: dpa

Zu später Stunde, so gegen Elf Uhr abends, wurde es Marco Baldi hoch oben in der Arena am Ostbahnhof zu viel. „Ach, Leute“, sagte der Geschäftsführer von Alba Berlin, von Reportern auf die aktuelle Krise angesprochen, „vor 14 Tagen wurde ich noch gefragt, warum ich nicht offensiver von der Meisterschaft rede.“ Der Sieg gegen Bayern München war da zwar schon 17 Tage her. Aber dennoch ist es bemerkenswert, in wie kurzer Zeit die Stimmung gekippt ist bei Alba Berlin.

Die 80:86-Heimniederlage gegen Le Mans war die fünfte Pflichtspielniederlage hintereinander. Alba muss jetzt nicht nur um den Einzug in die Zwischenrunde des Eurocups, der am Mittwochabend verpasst wurde, bangen. Sondern sich vor allem aus einer ernsten Sinnkrise befreien. Die Mannschaft, die zwölf ihrer ersten 13 Saisonspiele gewonnen hatte, ist derzeit kaum wiederzuerkennen. Vor allem die erfahrenen Spieler zeigen ungewohnt schwache Nerven. Dragan Milosavljevic, Jordan Taylor, Kresimir Loncar und Mitchell Watt trafen gegen Le Mans zusammengerechnet gerade mal fünf ihrer insgesamt 33 Wurfversuche, eine gruselige Erfolgsquote von 15 Prozent. Oft trauten sie sich aber gar nicht erst, den freien Wurf zu nehmen, sondern reichten Ball und Verantwortung zu den schlechter postierten Mitspielern weiter. Vor allem dem anfangs überzeugenden Milosavljevic ist jegliche Präsenz auf dem Feld abhanden gekommen.

„Man sieht, dass die gestandenen Spieler unsicher sind und überlegen“, sagte Baldi. An sich ein gutes Zeichen, findet der Manager. „Das zeigt, dass die Situation ihnen nicht am Arsch vorbei geht.“ Doch dürften sie auch nicht versuchen, die Wende mit Alleingängen zu erzwingen. Dennoch sei klar, „dass wir in so einem Moment nicht auf Ismet oder Jonas setzen müssen“. Die Verantwortung für die Wende liegt also nicht bei Rollenspielern wie Akpinar oder Wohlfarth-Bottermann. Auch der Coach nimmt seine Leistungsträger in die Pflicht. „Ich erwarte, dass sie sich mit ihrer Erfahrung aus dem Loch ziehen“, sagte Sasa Obradovic, aber gab sich auch nachsichtig. „In so einer Phase kannst du keine perfekten Entscheidungen auf dem Feld erwarten.“

An den Neuzugängen Taylor und Watt wachsen die Zweifel

Doch speziell bei Spielmacher Taylor und Forward Watt, die schon in der Erfolgsserie selten überzeugten, wachsen die Zweifel, ob die beiden Neuzugänge auch richtige Verstärkungen sind. „In einer Phase, in der es nicht läuft, müssen wir nicht auf einzelne Spieler eingehen“, wehrt Baldi ab und fordert eine Rückkehr zu den Tugenden, die Alba stark gemacht hatten: Intensität und Fleiß. Nun räche sich, wenn Spieler im Training nachlassen haben. Aber grundsätzlich hinterfragen will der Geschäftsführer nichts. „Vielleicht in drei Monaten, aber mitten in der Saison macht ein Paradigmenwechsel keinen Sinn.“ Auch von Aktionismus hält er nichts. „Wir holen jetzt keinen neuen Spieler, stellen die Taktik um oder schicken die Mannschaft zum Kegelabend, das ist kein Lösungsmodell.“ Mut macht, dass Alba mit einer nur defensiv überzeugenden Leistung kurz vor Schluss noch einmal auf vier Punkte an Le Mans herankam.

Einsatz und Zusammenhalt der Mannschaft scheinen also zu stimmen, es fehlt eher am Zusammenspiel, findet Wohlfarth-Bottermann. „Wir müssen uns zusammenraufen“, forderte der Center, ansonsten, befürchtete er, „verlieren wir, wenn es schlecht läuft, acht Spiele in Folge“.

Denn nicht nur Baldi weiß, „jetzt kommen die richtig harten Brocken“. Am Sonntag geht es zu den Skyliners Frankfurt, die 13 Pflichtspiele in Folge gewonnen und Bayern und Bamberg geschlagen haben, „das ist die Mannschaft der Stunde, dort will keiner spielen“. Danach kommt Meister Bamberg in die Arena am Ostbahnhof, zwischen den beiden vielleicht letzten Eurocupspielen, beim Gruppenersten Gran Canaria, der bereits für die Zwischenrunde qualifiziert ist, und daheim gegen Brindisi, den Gruppenletzten, der aber gerade seine Mannschaft umbaut. Den direkten Vergleich mit Le Mans hat Alba nun verloren, könnte aber auch mit zwei Niederlagen noch weiterkommen, wenn die Franzosen ebenfalls verlieren. Falls sie zweimal gewinnen, muss auch Berlin zweimal siegen. „In einer Schwächephase sollte man gar nicht erst anfangen zu rechnen“, sagte Baldi. Trotz der Le-Mans-Pleite „haben wir heute den ersten Schritt gemacht, so komisch das klingt“, sagte der Geschäftsführer. Kleine Verbesserungen führen jedoch noch nicht gleich zu Siegen.

Die Fans werden ungeduldig

„Die Einstellung heute war schon viel besser“, lobte Obradovic, „wir sahen besser aus als zuletzt und haben noch Chancen, weiterzukommen.“ Ob das die Fans auch erkennen? Nachdem die Anhänger gerade angefangen hatten, die neu zusammengestellte Truppe ins Herz zu schließen, gab es gegen Bremerhaven Pfiffe und gegen Le Mans nach Spielende apathisches Schweigen und nur vereinzelt aufbauenden Applaus. „Ich sehe, dass einige Fans ungeduldig sind“, sagte Obradovic, „aber wir dürfen nicht auf Leute von außerhalb achten, nur auf uns.“

Und vielleicht hat die Niederlagenserie auch ihr Gutes. In die letzten Spiele ging der damalige Bundesliga-Tabellenführer Alba meist als Favorit. „Jetzt sind wir eher die Außenseiter, das kann ein Vorteil sein“, sagte Wohlfarth-Bottermann und versuchte, optimistisch dreinzuschauen.

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