Sport : Alba schämt sich

Die Berliner Basketballer suchen nach dem Debakel gegen Wroclaw den Teamgeist – und selbstlose Spieler

Benedikt Voigt

Berlin. Kurz nach 22 Uhr verließ Dieter Hauert die Max-Schmeling-Halle und eilte zu einem Termin, von dem er zweieinhalb Stunden zuvor noch nichts gewusst hatte. Die Dringlichkeiten dieses Gesprächs hatte sich erst im Laufe des Abends ergeben. „Ich werde jetzt mit Trainer Emir Mutapcic in einem Restaurant eine Flasche Wein trinken“, sagte der Präsident von Alba Berlin, „dann werden wir sehen, ob ich etwas machen kann.“ Ein paar Möglichkeiten fielen ihm bereits ein. „Vielleicht genehmige ich ein Trainingslager“, sagte Dieter Hauert, „vielleicht führe ich die Prügelstrafe wieder ein.“

Allerdings hatten die Spieler von Alba Berlin zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Schläge verabreicht bekommen. Erst von den Basketballprofis von Slask Wroclaw, gegen die sie im ersten Europaliga-Heimspiel 53:67 untergegangen waren. Dann von einigen Fans, die sie mit Pfiffen und Buhrufen verabschiedet hatten. Und schließlich von Trainer Emir Mutapcic, der sie in der Umkleidekabine so lautstark zusammenbrüllte, dass es trotz geschlossener Tür noch zehn Meter weiter zu hören war. Als er sich etwas beruhigt hatte, sagte Mutapcic niedergeschlagen: „Ich schäme mich, zum ersten Mal in meinen Jahren als Alba-Coach sind wir aufgetreten, als wollten wir nicht Basketball spielen.“

Der Grund des Debakels klingt einfach, und die Spieler kennen ihn. „Uns fehlt der Teamspirit“, sagt Vladimir Petrovic, „wir sind nicht ehrlich miteinander.“ Aufbauspieler DeJuan Collins erklärt: „Wir müssen unser Ego vergessen.“ Und Marko Pesic erzählt, was er seinen Kollegen auf den Weg geben möchte: „Wir müssen nach Hause gehen und über Basketball nachdenken – über das Mannschaftsspiel Basketball.“ Es ist ganz einfach: Alba Berlin ist keine Mannschaft.

„Jeder müsste sagen, das ist mein Fehler, aber jeder schaut nur auf die Fehler des anderen“, sagte Petrovic. Der Egoismus des Einzelnen erklärt auch die schwache Verteidigung, die sich bislang durch die Saison zieht, und auch im dritten Viertel (11:30) wieder vernachlässigt wurde. Hart und engagiert zu verteidigen ist ein unauffälliger, aber notwendiger Dienst an der Mannschaft. Nur verschlüsselt lässt sich in der Statistik erkennen, was ein Spieler in der Defensive leistet: hier ein Ballgewinn, dort ein gegnerischer Spieler, der unter seinem Durchschnitt bleibt. Wer gut verteidigt, fällt nicht immer auf. Bei Alba aber will zurzeit jeder glänzen.

Als großes Problem erweist sich immer mehr, dass es keine gewachsene und respektierte Hierarchie im Team gibt. Sobald es nicht funktioniert, fühlt sich jeder Spieler dazu berufen, die Initiative an sich zu reißen. „Zu viele meinen, wenn es nicht läuft, muss ich was alleine machen“, sagte Kotrainer Burkhardt Prigge. Besonders auffällig war dies in der chaotischen, konzeptlosen zweiten Halbzeit, als Alba nur noch 25 Punkte erzielte und sich zwölf Ballverluste erlaubte.

Vermeintliche Führungsspieler wie Marko Pesic (vier Punkte) und DeJuan Collins (sieben Ballverluste) haben das Spiel nicht im Griff und laufen ihrer Form hinterher. Trotzdem glaubt Albas Präsident Dieter Hauert, dass sein Team genug Führungsspieler hat. „Wir müssen besser spielen, dann wird sich ein Führungsspieler herauskristallisieren.“ Womöglich aber stehen zu viele auf dem Spielfeld, die den Chef geben wollen.

Marko Pesic möchte sich auf diese Diskussion gar nicht einlassen. „Für mich gibt es nur einen Chef bei Alba, und das ist Henrik Rödl.“ Der verletzte ehemalige Mannschaftskapitän wird in der Rückschau ebenso wie der Power Forward der letzten Saison, Quadre Lollis, immer wertvoller.

Eine Woche hat Alba nun Zeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen. „Es gibt keine Konsequenzen, die Mannschaft muss sich selbst da rausziehen“, sagte Hauert am Tag danach. Am kommenden Mittwoch bei Pamesa Valencia ist von Siegen nicht mehr die Rede. „Wir wollen kämpfend untergehen“, sagt Hauert. Noch stehen zwölf Spiele in der Europaliga aus, doch man muss befürchten, dass Alba noch schlechter abschneiden wird als in der letzten Saison. Da gelangen vier Siege. Wroclaw galt ja als ebenbürtiger Gegner. „Das ist ja das Schlimme“, sagte Collins, „wir hatten noch nicht mal eine Chance.“

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