Sport : Alba steckt in "schönen Schwierigkeiten"

SEBASTIAN ARLT

Unglaublicher Boom: Jetzt ist sogar die Schmeling-Halle zu klein VON SEBASTIAN ARLT

Berlin.Am Ende kapitulierten sogar die Ordner vor den eingefleischtesten Fans von Alba Berlin in der Max-Schmeling-Halle, die partout ihren Helden ganz, ganz nahe sein wollten.Zwei, drei Werbebanden kippten um - und einige hundert Basketball-Anhänger stürmten das Parkett, um mit den Spielern von Alba den 78:76-Erfolg in der Europaliga über ZSKA Moskau zu feiern."Always winners!" - die Alba-Hymne dröhnte aus den Lautsprecherboxen.Ein wenig fühlten sich wohl alle als Gewinner, auch die mehr als 9000 Zuschauer, die dabeigewesen waren, als sich eine durch Verletzungen und Krankheiten geschwächte Berliner Mannschaft mit dem neunten Erfolg in der Europaliga schon vorzeitig für das Play-off-Achtelfinale qualifiziert hatte.Gerade die Dramaturgie der Begegnung, die scheinbare Ausweglosigkeit, in der sich das Team von Trainer Svetislav Pesic befand, danach der fast sensationelle Umschwung in den letzten dreieinhalb Minuten, hatte die Besucher fasziniert.Sie werden alle wiederkommen. Was ja inzwischen gar nicht so einfach ist.Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte, so erzählte Alba-Manager Marco Baldi, war eine Begegnung der Berliner bereits drei Wochen vorher restlos ausverkauft gewesen.Der Alba-Boom bringt immer neue Rekorde hervor.Die größte Schwierigkeit sei es gewesen, den vielen Enttäuschten abzusagen.Baldi: "Aber das ist natürlich auch eine schöne Schwierigkeit." Schwierigkeiten und Probleme.Damit hatten die Berliner in den letzten Tagen pausenlos zu kämpfen gehabt.Ein vernünftiges Mannschaftstraining war nicht möglich gewesen, Kranke und Verletzte mußten geschont werden.Die Bulletins von Mannschaftsarzt Gerd-Ulrich Schmidt gaben nicht gerade zu Optimismus Anlaß.Niemand durfte überfordert, die meisten mußten geschont werden.Dementsprechend viel wurde am Donnerstag abend gewechselt."Es war klar, daß wir nicht voll durchspielen konnten", meinte der Trainer.Kaum einer in der Mannschaft war im Vollbesitz seiner Kräfte.Daher fehlte in der Abwehr manchmal die letzte Aggressivität, bei vom Korb zurückprallenden Bällen hatte man teilweise den Eindruck, als könnten die "Albatrosse" nicht mehr abheben.Kein Wunder, daß am Ende die Reboundbilanz mit 36:22 klar für die Russen sprach. Aber irgendwie machten die Berliner dies alles mit unbändigem Willen wett.Acht "Dreier" und eine Ausbeute von 20 Freiwurftreffern bei 23 Versuchen sorgten dafür, daß sie in der Schlußphase, nachdem schon alles verloren schien, doch noch triumphieren konnten.Eigentlich ist es ungerecht, einen Spieler herauszuheben.Aber was Henrik Rödl an diesem Abend leistete, war schon fast unglaublich.Seit Wochen plagt er sich mit Oberschenkelverletzungen herum.Am vergangenen Sonntag zog er sich im Bundesligaspiel gegen Bamberg eine Oberschenkelzerrung zu.Sein Einsatz war bis kurz vor Spielbeginn fraglich gewesen.Rödl: "Es bestand natürlich die Gefahr, daß ich mich schwerer verletze." Er wollte aber unbedingt mitmachen, spielte unter Schmerzen 32 Minuten und 43 Sekunden lang, erzielte zwölf Punkte, darunter kurz vor Schluß die beiden entscheidenden per Freiwurf.Und der Alba-Mannschaftskapitän war es, der Moskaus besten Werfer, Valeri Daineko, in den letzten Spielminuten in den Griff bekam.Pesic: "Mit letzter Kraft hat er Daineko ausgeschaltet." Am heutigen Sonnabend, im Bundesliga-Spitzenspiel beim Tabellenzweiten Trier, dürfte Rödl wohl eine Pause zur Regeneration bekommen.Sicherlich haben die Berliner in der Europaliga schon bessere Spiele gezeigt, die dann sogar verloren wurden, als am Donnerstag abend, doch bei diesem Sieg "hat die Mannschaft Charakter gezeigt und alle Probleme bewältigt" (Pesic).Daher war der Erfolg verdient.Pesic: "Im Spitzensport gibt es keine zufälligen Sachen." Mit dem Erreichen des Play-off-Achtelfinales hat man jetzt einen neuen Meilenstein gesetzt.Als "wichtig für die Mannschaft und den Verein" stufte Pesic den Einzug in die Runde der besten 16 Teams ein.Baldi konnte da nur zustimmend nicken.Der Imagewert sei noch überhaupt nicht zu ermessen.Finanzielle Folgen auf dem Sponsorensektor ebenfalls noch nicht."Wir haben bewiesen, daß wir in Europa mithalten können", stellte Alba-Präsident Dieter Hauert zufrieden fest, wohlwissend, daß dieses Mithalten in Zukunft nicht einfacher und zugleich mit Sicherheit noch teurer werden wird. Nach dem Modus "best of three" wird im Play-off-Achtelfinale (Termine 6.3./11.3.und eventuell 13.3) gespielt.Die Gruppenersten und -zweiten haben bei einem eventuellen dritten Spiel wieder Heimrecht.Nach den anderen Ergebnissen in der Gruppe E vom Donnerstag hat Alba Rang drei sicher, auch wenn man in der kommenden Woche am letzten Spieltag in Mailand verlieren sollte.Bei einem Sieg ist man Zweiter.Wenn Piräus in Tel Aviv verlieren sollte, könnte Alba sogar trotz einer Niederlage Zweiter aufgrund der besseren direkten Vergleiche werden.Im Vergleich mit der Gruppe H kommt es zu den Partien 1 gegen 4 und 2 gegen 3.Der Alba-Gegner wird wohl entweder Barcelona oder Partizan Belgrad heißen.Pesics Wunschgegner ist klar: "Natürlich Partizan." Dort war er zwischen 1967 und 1971 sehr erfolgreich als Spieler tätig.
15.02.97

0 Kommentare

Neuester Kommentar