Albas Saisonstart : Der kleine Unterschied

Alba Berlin, der einstige Serienmeister, will in dieser Basketball-Bundesligasaison nur noch Herausforderer sein.

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Wohin des Fluges? Alba-Zugang DaShaun Wood (mit Ball) muss mit den Berlinern in dieser Saison nicht Meister werden – aber er kann es natürlich. Foto: Camera4
Wohin des Fluges? Alba-Zugang DaShaun Wood (mit Ball) muss mit den Berlinern in dieser Saison nicht Meister werden – aber er kann...Foto: camera4

Berlin - Marco Baldi schaut aus dem Fenster seines Büros und denkt nach. Der Geschäftsführer soll in drei Worten benennen, wofür sein Verein in der Saison 2011/12 steht. Leidenschaft und Engagement, über den Profibasketball hinaus, das ist ihm recht schnell eingefallen. Nur um den dritten Begriff ringt er noch. „Außenseiter wäre mir zu stark“, hadert er und sagt: „Ich sehe uns zum ersten Mal seit langer Zeit in der Herausfordererrolle.“

Herausforderer im Meisterschaftsrennen? Alba Berlin? Der Serienmeister der Jahre 1997 bis 2003, die „Lokomotive des deutschen Basketballs“, wie Baldi den Verein immer noch nennt? Doch, doch, er meint es ernst und die Zeichen verdichten sich, das Alba sich nicht mehr als das Nonplusultra der Basketball-Bundesliga und den natürlichen Titelfavoriten sieht. Vor Albas Ligastart heute bei den Eisbären Bremerhaven (18 Uhr) sagt etwa Trainer Gordon Herbert, dass er zwar Meister werden wolle, aber nicht müsse. Er wolle ein Team entwickeln, das während seiner zwei Jahre Vertragslaufzeit den Titel holt. Und Baldi sagt, es sei an der Zeit, nicht nur über den ersten oder zweiten Platz zu sprechen, sondern darüber, Alba langfristig als Institution zu etablieren. Noch vor einem Jahr hatte Sportdirektor Mithat Demirel bei Amtsantritt erzählt: „Wir müssen immer Meister werden, so ist das nun mal bei Alba.“ Nun nicht mehr.

Es gibt, wenn auch oft nur in Nuancen geäußert, neue Töne bei Alba. Doch was bezweckt der Verein damit? Will er Titelverteidiger Bamberg die Favoritenbürde alleine zuschustern? Sich selbst den Druck nehmen? Oder sich gar eine neue Identität erfinden, nicht mehr der Große sein, der Häme erntet, wenn er stolpert, sondern der hungrige Herausforderer? Oder ist es nur eine Art, den sportlichen Rückschritt der vergangenen Jahre zu moderieren?

„Das spiegelt einfach nur eine gewisse Realität wieder“, sagt Baldi. „Das ist keine Strategie, wie uns unterstellt wird, sondern eine Reflexion.“ Man habe sich vor Saisonbeginn zusammengesetzt und diese Analyse getroffen. Kommt diese Einsicht zu spät? Zwar hat Alba im Juni den Titel im Finale nur um eine Minute verpasst. Doch in den vergangenen acht Jahren gewann der Seriensieger von einst nur eine Meisterschaft, verpasste jüngst in Charleroi zum dritten Mal in Folge die Europaliga. Bamberg triumphierte hingegen in den vergangenen sechs Jahren viermal, holte zuletzt zweimal in Folge das Double aus Meisterschaft und Pokal. „Ich glaube nicht, dass sich an unserem Abschneiden etwas geändert hätte, hätten wir vorher etwas anderes gesagt“, sagt Baldi. Erwartungshaltungen von Fans und Öffentlichkeit könne man nicht durch Worte beeinflussen. Ohnehin sei die Basketball-Bundesliga dieses Jahr gravierend anders als in den Vorjahren.

„Das Budget, das Bamberg in seine Mannschaft steckt, ist ungefähr 50 Prozent höher als das von Bayern München, Oldenburg oder unseres“, sagt Baldi. Alba hingegen hat laut Baldi zwar sein Budget gehalten, aber den Jugendetat aufgestockt und den Spieleretat heruntergefahren. „Wir wollen nicht für den kurzfristigen Erfolg unsere Existenz aufs Spiel setzen“, sagt Baldi. Die vergangene Saison mit zahlreichen Spieler- und einem Trainerwechsel war teuer für Alba Berlin. Die Kosten dafür muss der Verein nun abtragen. „Ich hoffe, das gelingt uns schon in dieser Saison“, sagt Baldi. Falls nicht, müsste Alba wohl auch länger bescheidener planen.

Wenn es denn so ist. In Bamberg traut man all dem nicht. „Ich höre zwar, was in Berlin gesagt wird, aber ich glaube es nicht“, sagt Bambergs Geschäftsführer Wolfgang Heyder, der betont, man liege finanziell auf Augenhöhe. „Klar, es ist immer einfacher, wenn man als Herausforderer von hinten kommt, aber man darf sich nicht schlechtreden, das ist Kindergarten und Kasperltheater.“

Auch im Team scheint die neue Rolle noch nicht so ganz angekommen zu sein. „Sind wir Außenseiter?“, fragt Sven Schultze im Training achselzuckend Mitspieler Heiko Schaffartzik. „Wir haben den Anspruch, jedes Jahr Meister zu werden“, sagt der Spielmacher und fügt relativierend hinzu: „Aber im Gegensatz zu Bayern München im Fußball müssen wir es nicht.“ Ganz im Sinne der neuen Alba-Herausforderrolle.

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