Sport : Alfredo und seine Kumpane

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Von Harald Irnberger

Madrid. Der Hampden Park zu Glasgow erscheint in den Annalen von Real Madrid als magischert Ort. Dort, wo die Spanier heute im Finale der Champions League auf Bayer Leverkusen treffen, gewann das weiße Ballett um Alfredo di Stefano am 18. Mai 1960 zum fünften Mal in Folge den Europapokal. 7:3 hieß es gegen Eintracht Frankfurt, und für Real endete eine Epoche. Die Zeit der großen Erfolge, sie war erst einmal vorbei.

Für politisch sensible Fußballfreunde ist die Geschichte der großen Jahre von Real nicht frei von dunklen Flecken. Fiel die bislang triumphalste Epoche doch ausgerechnet mit dem Höhepunkt der Franco-Diktatur zusammen, als Real Madrid autoritär von einem Präsidenten Santiago Bernabeu geführt wurde, der schon im Bürgerkrieg an der Seite der Putschisten stand. Der Traummannschaft mit der legendären Angriffsformation Kopa, Rial, Di Stefano, Puskas und Gento haftete somit der üble Geruch an, die Regime-Elf zu sein: Opium für das Volk zum Nutzen einer faschistischen Diktatur.

Diese Einschätzung ist nicht gänzlich gegenstandslos – aber keineswegs rundum richtig. Das geht aus einer Reihe von seriösen historischen Studien hervor, die pünktlich zum 100. Geburtstag eben in Spanien veröffentlicht wurden. Demnach verlief die Geschichte des Vereins stets zuverlässig parallel zur spanischen Politik im 20. Jahrhundert. Im Gegensatz zum Vorurteil, ein Instrument des militant-provinziellen kastilischen Zentralismus zu sein, der seit der Reconquista im 15. Jahrhundert in Spanien meist unduldsam den Ton angab, war der Verein indes von Anfang an ein Schmelztiegel für alle Facetten des vielfältigen Landes. Und dazu weltoffen. Die Gründer und ersten Präsidenten waren zwei Brüder ausgerechnet aus Barcelona, die in der Hauptstadt mit dem Mode-Laden Al Capricho ihr Geld verdienten: Juan und Carlos Padros. Der erste Trainer war der Brite Arthur Johnson.

Der FC Madrid, dem 1920 von dem ein Jahrzehnt später vom Volk zum Teufel gejagten König Alfonso XIII. das Recht konzediert wurde, sich Real Madrid zu nennen, realisierte den ersten spektakulären Spielereinkauf des spanischen Fußballs: Für die damals atemberaubende Ablösesumme von 150 000 Peseten wurde der Torhüter Ricardo Zamora von Espanyol Barcelona geholt. Das war zu Beginn der Dreißigerjahre, als Real erstmals Spanischer Meister wurde. Und zwar pünktlich zum Beginn der zweiten spanischen Republik. Die brachte es nebenbei mit sich, dass das Wort Real bis zur Franco-Diktatur wieder aus dem Vereinsn und die Krone aus dem Vereinswappen gestrichen wurde. Als schließlich 1936 die Generale putschten und den Bürgerkrieg anzettelten, stand dem FC Madrid mit Rafael Guerra ein Antifaschist als Präsident vor, der seine Mannschaft etwa zu einem Benefizspiel zu Gunsten der Kriegsopfer gegen eine Auswahl der UdSSR antreten ließ. Er landete später in Francos Kerker uind starb im Exil. Nach der Machtübernahme der Militärs wurde der FC Madrid wieder zu Real Madrid, und das neue Regime übernahm im Verein die Macht, als 1943 Santiago Bernabeu den Vereinsvorsitz an sich zog. Das Präsidentenamt gab er bis zu seinem Tod 1978 nicht mehr ab.

Die großen sportlichen Erfolge seiner Ära stellten sich ein, nachdem 1953 Alfredo di Stefano von River Plate aus Buenos Aires geholt wurde. „Real Madrid wurde großartig dank di Stefano und seiner kickenden Kumpane, aber nicht durch Franco oder Bernabeu“, sagt Jorge Valdano, einst Spieler und jetzt Manager des Klubs. „Spanien hat damals in der Welt absolut nichts gegolten – mit Ausnahme des Fußballs, den diese Mannschaft hervorgebracht hat."

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