Sport : Alle für einen

Die Mannschaft Bianchi von Jan Ullrich überrascht bei der Tour de France mit Disziplin und Tempo

Rainer Guareschil

Tremont sur Saulx. Rudy Pevenage ist eher ein nüchterner Logistiker als ein Genussmensch. Doch am Mittwochabend, nach dem Mannschaftszeitfahren von St. Dizier, stand der Belgier mit der barocken Figur mit einem Glas Rotwein in der Hand auf der Terrasse seines Hotels im Örtchen Tremont sur Saulx in der ostfranzösischen Provinz Haute Marne, blickte in den Abendhimmel und atmete tief durch. „Hier kann man leben, bis man 100 Jahre alt ist“, sagte Pevenage. Ein Selbstgespräch, ein stiller und ebenso ungewöhnlicher Moment für ihn. Denn Ruhe hatte Pevenage in den vergangenen Monaten kaum. Die Überführung des maroden Teams Coast in das Team Bianchi, die aufreibende Bewerbung um die Teilnahme an der Tour de France und die hastig improvisierte Vorbereitung der neuen Mannschaft auf die Frankreich-Rundfahrt – all das hat Nerven und Kraft gekostet.

Am Mittwochabend kehrte beim Sportlichen Leiter von Bianchi das Gefühl ein, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat. Dass Jan Ullrich in Form ist, hatte man im Prolog schon ahnen können, als der Deutsche schneller als Tour-Favorit Lance Armstrong war. Beim Mannschaftszeitfahren zeigte sich jedoch darüber hinaus, dass sein Team Bianchi stark genug ist, in der Spitze mitzuhalten: Kapitän Ullrich hatte nach dem Mannschaftszeitfahren nur 38 Sekunden Rückstand auf Armstrong und somit dank seiner Mannschaft seine Chancen auf den Gesamtsieg gewahrt. Der Vorsprung von Armstrongs Team US Postal auf Bianchi betrug nur 43 Sekunden.

Den dritten Platz hatten dieser Mannschaft nicht viele zugetraut. Bei der Deutschland-Rundfahrt noch hatte das Bianchi-Team Kritik eingesteckt, weil seine Fahrer mitunter die Übersicht verloren, Attacken verpassten und vielen Fahrern bei einer Aufholjagd im Dienste ihres Chefs Ullrich die Puste ausging. Wenn so etwas schon bei der Deutschland-Tour nicht klappt, was sollte dann erst bei der Tour de France passieren?

Dabei ist die Mannschaft, die aus der Konkursmasse von Coast übrig blieb, nominell ein Top-Team. Der Spanier David Plaza hat schon die Deutschland-Tour gewonnen, sein Landsmann Angel Casero siegte bei der Spanien-Rundfahrt. Tobias Steinhauser wurde 2002 Dritter der Deutschland-Rundfahrt, und Thomas Liese ist einer der besten deutschen Zeitfahrer.

Das Problem vor der Tour schien weniger das Potenzial des Teams zu sein. Vielmehr schienen nach der leidigen Affäre um Coast nicht alle Fahrer so ganz bei der Sache; den Spaniern in der Mannschaft wurden Wechselabsichten unterstellt. Doch all das ist nach wenigen Tagen bei der Tour vergessen. Das Team Bianchi glaubt mittlerweile an sich. „Der ganze Hickhack hat uns zusammengeschweißt“, sagt Tobias Steinhauser. „Es gibt keine spanische Fraktion, wir sind eine Mannschaft.“

Jan Ullrich hat sich allen Schwierigkeiten zum Trotz gewissenhaft auf die Tour vorbereitet und scheint in exzellenter Verfassung zu sein. Ullrich teilt den Ehrgeiz mit seinem Freund und Mentor Pevenage. „In ein bis zwei Jahren wollen wir mit der Mannschaft zur absoluten Weltspitze gehören“, sagt Jan Ullrich. Die diesjährige Tour de France ist für den besten deutschen Fahrer nur der erste Schritt, obwohl: Wenn schon diesmal im Ziel in Paris etwas dabei herauskommt, wäre niemand bei Bianchi böse darüber. Erst recht nicht der Sportliche Leiter Rudy Pevenage.

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