Sport : Alle Grenzen vergessen

Hertha spielt in Bremen mit zu viel Leidenschaft

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Zu viel Einsatz ist auch nicht gut. Herthas Abwehrspieler Christian Lell sieht nach seinem rüden Foul Gelb-Rot. Foto: Reuters
Zu viel Einsatz ist auch nicht gut. Herthas Abwehrspieler Christian Lell sieht nach seinem rüden Foul Gelb-Rot. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Im modernen Fußball wird vieles gemessen. Die offizielle Bundesliga-Statistik offenbart, welcher Spieler wie oft im Ballbesitz ist und wer am meisten läuft. Was die Trainer angeht, gibt es derlei noch nicht. Dabei wäre es interessant zu erfahren, wie viele Kilometer mehr der Bremer Thomas Schaaf am Sonntag zurückgelegt hat als sein Trainerkollege Markus Babbel von Hertha BSC. Während Schaaf wild herumspringend schimpfte, verfolgte Babbel das Spiel seiner Mannschaft im Weser-Stadion zumeist zurückgelehnt. Motivationsnachschub musste Babbel nicht liefern, sein Personal spielte schon mit einem Überschuss an Adrenalin. Zwei Platzverweise und vier weitere Gelbe Karten für Hertha waren die Folge, was am Ende in einer Berliner 1:2-Niederlage mündete.

Natürlich hatte Hertha das Pech, Werders Siegtreffer durch Claudio Pizzaro in der Nachspielzeit zu kassieren. Mit viel Energie hatten sich neun Berliner eine halbe Stunde gegen die Niederlage gestemmt, nachdem Christian Lell und Adrian Ramos Gelb-Rot gesehen hatten. Babbel sagte: „Meine Jungs sind bis zum Schluss über ihre Grenzen gegangen.“

Hertha hat eine Mannschaft, in der Einsatz und Zusammenhalt – soweit das im Profifußball möglich ist – zu stimmen scheinen. Das lässt sich schon im Training beobachten. Da geht es über die Maßen engagiert zur Sache. So sind Lell und Sebastian Neumann mit Raffael und Ronny im August während einer Übungseinheit aneinandergeraten. Aber insgesamt ist die Stimmung gut. „Wir wissen alle, dass wir ein gemeinsames klares Ziel haben“, sagt Mittelfeldspieler Peter Niemeyer, „und das ist der Klassenerhalt.“

Das Engagement der Profis war an den ersten sieben Spieltagen groß. Kaum eine Mannschaft gestikuliert so leidenschaftlich und schimpft so oft nach strittigen Entscheidungen mit dem Schiedsrichter wie Hertha. Oder sieht sich sogar für die Motivation des eigenen Anhangs zuständig, wie in Bremen Raffael. Der Brasilianer forderte die Berliner Anhänger mit den Armen rudernd in der Schlussphase auf, lauter zu werden. Hertha versucht, auf allen Ebenen die Gegner zu beeindrucken. Aber wenn Einzelne übertreiben, kann das Kollektiv nur schwerlich funktionieren: Christian Lell hätte nicht unbedingt in der Bremer Hälfte einem Gegenspieler in die Beine grätschen müssen, Adrian Ramos musste nach seiner Gelben Karte den Ball im Frust nicht wegkicken. Babbels Mannschaft hat in Bremen verloren, weil sie zu emotional gespielt hat – aber sie kann auch nicht gewinnen, wenn sie nicht großen emotionalen Aufwand betreibt.

Das Ventil Trainer haben die Spieler auf dem Platz nicht. Babbel hält feine Distanz zu seinem Personal, spricht von „den Jungs“ oder „der Mannschaft“. Ein „wir“ kommt dem Bayern selten über die Lippen. Er geriet zwar am Sonntag am Spielfeldrand mit Schaaf mal kurz aneinander, aber nur weil der Bremer provoziert hatte. Zur Strafe nannte ihn der Berliner Trainer mit dem Hang zur feinen Rhetorik nach dem Spiel nur „meinen Bremer Kollegen“. Babbel ist eben nicht Schaaf, der wütende Bremer musste am Sonntag zehn Minuten vor Schluss auf die Tribüne.

Dass der Trainer das Spielfeld verlassen musste, hat weniger Wirkung für Werder als für Hertha die Tatsache, dass zwei Berliner vorzeitig vom Platz mussten. Lell und Ramos fehlen Hertha am Sonnabend im Heimspiel gegen den 1. FC Köln. Markus Babbel findet, Lell und Ramos seien an sich nicht unfaire Spieler. Insofern erstaune ihn, dass so erfahrene Profis der Mannschaft mit ihrem Auftreten in Bremen geschadet hätten. Babbel sagt: „Da war bei beiden zu viel Emotion im Spiel.“

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