Sport : Alle jagen Borussia

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Von Richard Leipold

Dortmund. Kurz vor dem Bundesligafinale standen die Zeichen in Dortmund eigentlich schon auf Abschied. Selbst eingefleischte Fans der Borussia hatten drei Wochen vor dem Abpfiff der Bundesligasaison ihre Hoffnungen auf die Meisterschaft begraben. Also beschloss das Fanprojekt, am Donnerstag vor der letzten Spielrunde Abschied zu feiern - Abschied von Jürgen Kohler. „Als wir die Party vor drei Wochen geplant haben, lag unsere Mannschaft fünf Punkte hinter Leverkusen“, sagt einer der Organisatoren. „Niemand hätte damit gerechnet, dass wir noch Meister werden können.“

Doch die Planungen wurden von der Wirklichkeit überholt. Vom scheinbar abgeschlagenen Außenseiter ist der BVB in zwei Wochen zum Favoriten aufgestiegen – mit der Chance, durch einen Sieg über Werder Bremen heute im Westfalenstadion zum ersten Mal seit 1996 wieder Deutscher Meister zu werden. Jürgen Kohler konnte zu seiner eigenen Party deshalb leider nicht kommen. Der „Fußballgott“, wie sie ihn nennen, meldete sich mit einer Videobotschaft im Freizeitzentrum West und bat um Verständnis dafür, dass ihm der Gewinn der Deutschen Meisterschaft und die Vorbereitung wichtiger seien. Die Fans sahen das ein. Seit einer Woche glauben auch sie wieder an den Titel. Denn nun ist Dortmund vorn und wird von Bayer und Bayern gejagt.

Dass es so kam, verdankt Dortmund vor allem Amoroso. Nicht nur, weil er zwei Elfmeter, deren Zustandekommen von einigen Beobachtern als einigermaßen dubios eingestuft worden war, souverän verwandelte und damit je drei Punkte sicherte. Der Stürmer hat in der Liga achtzehnmal getroffen und ist damit der treffsicherste Borusse.

Neben dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft verfolgt der Brasilianer ein Ziel, das ihm insgeheim vielleicht noch wichtiger ist. Der 28–Jährige würde im Dienste seines Landes einen Teil des Sommers liebend gern in Japan und Südkorea bei der WM verbringen. Doch Nationaltrainer Luis Felipe Scolari hat ihn bislang geflissentlich übersehen und übergangen. Trotzdem träumt Amoroso noch von der Teilnahme an der kommenden Weltmeisterschaft.

Wie Kollege Kohler grüßte auch er deshalb jüngst mit einer Videobotschaft in eigener Sache. Amoroso wandte sich allerdings nicht an die Fans der Borussia, sondern an Senior Scolari. In der Hoffnung, noch in den Kreis der Auserwählten berufen zu werden, schickte er dem Nationaltrainer einen Zusammenschnitt seiner besten Szenen aus dem Spiel in Hamburg. Dort hatte er wieder mit zwei Toren geglänzt. Durch Amorosos Willenskraft und Ausdauer ermutigt, glauben die meisten Anhänger des BVB, ob Partyveranstalter oder nicht, wieder an den Gewinn der Meisterschaft.

Der zur Skepsis neigende Trainer Matthias Sammer indes hat gelernt, das Privileg einer Tabellenführung nach 33 Spielen zu schätzen, aber nicht zu überschätzen. „Wir können uns als Teilzeitmeister fühlen“, sagt er, „aber dafür gibt es keine Schale.“ Abschiedsparty ohne Ehrengast, Torjäger ohne Nationaltrikot, Spitzenreiter ohne Schale: Noch scheint in Dortmund manches unvollkommen, doch an diesem Samstag könnte sich für die Borussen vieles in Wohlgefallen auflösen. Die nächste Party mit Jürgen Kohler käme bestimmt.

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