Sport : Alle um mich herum riefen: „Was ist passiert?“

Peter Schols fotografierte als Einziger den Moment, in dem Zidane Materazzi zu Boden streckte. Hier erzählt er, wie er das wichtigste Bild der WM 2006 machte. Und wie schwer es ist, einen Augenblick mit der Kamera unsterblich zu machen

Peter Schols

Im Fußball spielen sich die wichtigsten Szenen oft gerade da ab, wo der Ball gerade nicht ist. Und das sind dann die Momente, die in die Geschichte eingehen. Wenn ich im Finale der Weltmeisterschaft 2006 stur auf den Ball geachtet hätte, gäbe es kein Foto von Zinedine Zidanes Kopfstoß. Ich verstehe immer noch nicht, wie Zidane so ausrasten konnte. Unglaublich, dass ein Spieler mit so viel Erfahrung sich so provozieren lässt. Als Fan hätte ich Zidane gerne mit dem WM-Pokal gesehen, als Fotograf war der Kopfstoß für mich ein Glücksfall. Auch wenn es mir für ihn eigentlich leid tut. In den nächsten fünf, zehn, zwanzig Jahren wird das Bild immer wieder zurückkommen, der Kopfstoß war der wichtigste Moment der WM in Deutschland.

Ich hoffe alt zu werden, aber mein Foto wird man noch kennen, wenn ich schon lange tot bin. Genauso ist es mit anderen Momenten des Fußballs: Frank Rijkaard, wie er Rudi Völler anspuckt. Oder Franz Beckenbauer nach dem deutschen WM-Sieg 1990, ganz alleine auf dem Rasen in Rom. Diese Augenblicke sagen über Fußball und seine Menschen oft mehr aus, als ein wichtiges Tor oder eine tolle Parade. Mein Auftrag bei sportlichen Großveranstaltungen ist immer: Versuch, nicht das Gleiche zu machen wie die Jungs von den großen Agenturen – sonst brauchen wir dich gar nicht erst hinschicken. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn die großen Bildagenturen sind bei einem WM-Finale natürlich nicht nur mit einem Fotografen, sondern zu viert, zu fünft, zu acht. Ich fotografiere für eine kleine Zeitung aus dem Süden der Niederlande, bei der WM haben wir mit knapp 20 niederländischen Regionalzeitungen zusammengearbeitet.

Um einen besonderen Moment festzuhalten, braucht man einen guten Platz – aber vor dem Spiel weiß man natürlich nicht, wo der ist. Beim WM-Finale hatte ich wenig Auswahl, das Stadion platzte vor Fotografen aus allen Nähten. Aber manchmal bemerkt man die vielen Kollegen gar nicht, dann hat man als Fotograf einfach das Gefühl, mitten im Spiel zu sitzen, dabei zu sein. Während des Endspiels habe ich immer wieder nach Zidane geschaut. Es sollte immerhin das letzte Spiel seiner Karriere sein: Einer der besten Spieler aller Zeiten nahm seinen Abschied, im WM-Finale. Im Laufe der Partie wurden die Spieler immer müder, sie hatten schon das ganze Turnier in den Knochen. Als in der Verlängerung nicht mehr lange zu spielen war und alle ans Elfmeterschießen dachten, habe ich über meine Kamera hinweg zu Zidane geschaut, um mit eigenen Augen zu sehen, wie fit er noch ist. Zidane und Materazzi trabten nebeneinander in Richtung Mittellinie und redeten dabei miteinander. Dann drehte sich Zidane um, und kam noch einmal zurück.

In dem Moment habe ich meine Kamera gehoben. Ich dachte, sie würden sich noch einmal etwas ins Gesicht sagen. Als Fotograf hat man so ein Gefühl: Das könnte gleich ein spannendes Bild geben, etwas Besonderes. Als Zidane dann mit dem Kopf ausgeholt und zugestoßen hat, habe ich reflexartig den Auslöser gedrückt. Ich kam aber etwas zu spät, Zidanes Kopf ist auf dem Bild schon wieder in der Rückwärtsbewegung. Das hat mich unglaublich geärgert.

Dann liefen andere Spieler zurück zu Materazzi, der sich auf dem Boden wälzte, und verdeckten mir die Sicht. Wenn sie etwas früher in meine Richtung gekommen wären, hätte ich gar nichts gesehen. Dann wäre dieser Moment verloren gewesen. Aber wie wichtig der Augenblick war, habe ich da noch gar nicht verstanden. Um mich herum schrieen alle Fotografen: „Was ist passiert? Was ist passiert?“ Aber auch da konnte ich noch nicht glauben, dass meine Kamera fast der einzige Zeuge im Stadion war. Nach dem Elfmeterschießen habe ich meine Kamera eingepackt und mich darauf gefreut, nach vier Wochen Fußball-WM, 22 Spielen und 12 000 Kilometern im Auto am nächsten Tag endlich nach Hause zu fahren. Dabei habe ich mich gefragt: Konnte es sein, dass 275 Fotografen am Spielfeld und noch einmal 75 auf der Tribüne den entscheidenden Moment der WM alle verpasst hatten? Es waren sogar Fotografen im Stadion, die nur Zidane im Auge behalten sollten. Aber wenn man 120 Minuten immer wachsam sein muss, kann die Konzentration nachlassen. Am nächsten Tag haben Reuters und Getty, zwei der größten Bildagenturen der Welt, dann das Foto bei meiner niederländischen Agentur eingekauft. Weltweit druckten es 1200 Zeitungen. Selbst für Reuters ist das eine unglaublich hohe Zahl.

Aber es wird immer schwerer, einen Moment mit dem Fotoapparat unsterblich zu machen. Inzwischen halten unzählige Fernsehkameras im Stadion jede Bewegung fest. Als Maradona 1986 gegen England das Tor mit der „Hand Gottes“ gemacht hat, war das ein starkes Bild – aber es war auch live im Fernsehen zu sehen. Das ist schade. Fernsehkameras fangen bewegte Bilder ein – aber Fotografen machen die Bilder, die oft bewegender sind.

Ich bin ein ganz normaler Fotograf, so wie Tausende andere herumlaufen. Ich habe einmal im Leben großes Glück gehabt. Aber um einen besonderen Moment einzufangen, gehört auch ein bisschen mehr dazu: Man muss auch mal nicht durch den Sucher schauen, sondern mit eigenen Augen sehen.

Peter Schols arbeitet für die Tageszeitung „Dagblad De Limburger“. Für sein Foto von Zidanes Kopfstoß wurde er 2006 mit dem World Press Photo Award für das beste Sportfoto des Jahres ausgezeichnet. Aufgezeichnet von Lars Spannagel.

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