Sport : Allein durch den Tunnel

Timo Bracht ist der beste deutsche Triathlet – obwohl er erst 28 Jahre alt ist und keinen Trainer hat

Jürgen Bröker

Sich selbst besiegen. Darum geht es beim Ironman-Triathlon. Seinen eigenen Körper zu überlisten. Grenzen auszuloten. Nicht hinzuhören, wenn die Beine immer mehr nach einer Pause verlangen. Weiter zu laufen, auch wenn der Tunnel immer enger wird. Arme, Beine und den Kopf auf Sieg zu programmieren. Timo Bracht ist darin ein Meister. Er ist der derzeit beste deutsche Triathlet.

Zurzeit programmiert er seinen Körper voll auf den 4. Juli. Dann trifft sich die Triathlon-Elite in Roth, dem europäischen Ironman-Mekka, zu einem der bedeutendsten Langdistanzrennen der Welt. Timo Bracht ist der Mann, den es dort zu schlagen gilt. Das hat unlängst sogar Lothar Leder gesagt, neben dem bisher einzigen deutschen Hawaii-Gewinner, Thomas Hellriegel, eines der wenigen Gesichter dieser oft bilderlosen Sportart.

Bracht nimmt die Rolle des Favoriten an, wenn auch nicht gern. Lange darüber nachdenken möchte er ohnehin nicht. „Die Konkurrenz in Roth ist sehr gut“, sagt er kurz und denkt an Lothar Leder oder den Amerikaner Chris McCormack, Sieger beim Ironman in Australien Anfang April. „Wer in Roth gewinnt, zählt zu den Besten der Welt“, sagt Bracht. Und genau da will er hin. Dauerhaft.

Seit Timo Bracht im vergangenen Jahr noch als Amateur wie aus dem Nichts den Ironman Frankreich mit Streckenrekord gewonnen hat, ist er den Besten im Ausdauer-Dreikampf schon sehr nahe gekommen. Siege beim Ironman Florida und bei den Halbdistanz-Wettkämpfen in Südafrika und erst vor wenigen Wochen in Oer-Erkenschwick, beim „Haardman“, jeweils gegen starke Konkurrenten folgten.

Der Sieg in Frankreich jedoch war sein Türöffner für die Profikarriere. Sponsoren fragten an. Und seither erzählt er jedem, der ihn nach seinen Frühstücksgewohnheiten fragt, dass er neben Müsli, Obst (vorzugsweise Bananen) und Broten mit Marmelade und Erdnussbutter auch Kollagen-Hydrolysat zu sich nimmt. Ein Mittel, das Arthrose vorbeugen soll und ihm finanzielle Unabhängigkeit gibt. Sein Hauptsponsor stellt es her.

Timo Bracht ist ein netter junger Mann mit blonden Haaren und freundlichen Augen, der offen auf Fragen antwortet, und am liebsten in Flipflops, kurzer Hose und ohne T-Shirt durch die Gegend läuft. Auch deshalb ist Profi-Triathlon für ihn Genuss, nicht Qual. Er sieht die Vorzüge, Trainingslager in Südafrika etwa oder auf den Kanaren. „Dafür lohnt es sich zu kämpfen.“ Zusammen mit seiner Frau Bettina und seinem kleinen Sohn Andre lebt er in Eberbach, in der Nähe von Heidelberg. Dort, im Odenwald, hat er ein ideales Trainingsgebiet gefunden. Die Bedingungen dort machen es ihm leichter an den besonders harten Tagen, an denen die Beine so sehr schmerzen, dass er lieber gar nicht aus dem Bett aufstehen möchte. Aber er verfolgt weiter das Ziel, immer länger schnell zu fahren oder zu laufen. Ihn treibt der Gedanke, ganz nach vorne zu kommen, seinen Körper auf Verbesserung zu programmieren.

Timo Bracht will es allein schaffen, unabhängig von anderen. Deshalb verzichtet er auch auf einen Trainer. Durch sein Studium der Sportwissenschaften glaubt er, genügend Wissen gesammelt zu haben. „Ich weiß selbst am besten, was mein Körper braucht und wann ich Erholungsphasen einlegen muss“, sagt der Triathlet. Rein physiologisch sei er zwar nicht ideal ausgestattet. Drahtig verteilen sich 68 Kilogramm auf 1,82 Meter Körpergröße. Sein Vorteil sei jedoch die Psyche. „Ich kann 100 Prozent meiner Leistungsfähigkeit abrufen“, versichert er, „immer.“ Auch wenn die Schmerzen kommen. Wenn einem beim Massenstart im Wasser Füße und Ellenbogen des Gegners das eigene Gesicht malträtieren. Oder zum Ende der 3,8 Kilometer langen Schwimmstrecke die Schultern brennen. Wenn auf der 180 Kilometer langen Radstrecke zuerst der Rücken von der extrem aerodynamischen Sitzposition schmerzt und schließlich die Oberschenkel hämmern. Oder beim Laufen, wenn der Rausch der Fahrgeschwindigkeit vorbei ist. Dann geht es in den Tunnel, wie die Triathleten sagen. Und der wird zum Ende des Marathons immer enger. Dann geht es nur noch darum, sich selbst zu besiegen.

Mit 28 Jahren und erst sechs Monaten als Profi steht Timo Bracht noch am Anfang – auch wenn er schon auf zehn Amateurjahre zurückblickt. Sein Wochenpensum von etwa 15 Kilometern schwimmen, 600 bis 800 Kilometern Rad fahren und 60 bis 90 Kilometern laufen ist ausbaufähig. „Es ist mein erstes Profijahr“, sagt Bracht. „Ich will mich behutsam aufbauen.“ Fünf bis sechs Jahre, glaubt er, kann er den Sport auf höchstem Niveau betreiben. Irgendwann in dieser Zeit soll es richtig knallen. Dann will er seine „Vision“ Wirklichkeit werden lassen: Einmal auf Hawaii gewinnen. Auch wenn das jetzt noch weit weg ist.

Im vergangenen Jahr hat er dort seinen einzigen Rückschlag erlebt. Ausgerechnet auf Hawaii, dem Mythos des Triathlon. Zur Hälfte des Rennens lag er im Spitzenfeld. Dann wurde er disqualifiziert – wegen Windschattenfahrens. Verstanden hat er es nicht. Doch der Schock ist überwunden. „Auch diese Erfahrung wird mir helfen. Ich habe gesehen, wie es ist, wenn man seine Ziele nicht erreicht“, sagt er. Und dass er mit den Besten mithalten kann. Vielleicht kann Timo Bracht sie schon in Roth besiegen.

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