Sport : Allein gegen die Maschine

Milans Stürmer Filippo Inzaghi besiegt mit seinen Toren das System Liverpool

Raphael Honigstein[Athen]

Dem älteren Herrn war es am Ende alles ein bisschen zu viel und vor allem zu laut. Er schlich sich mit dem Mobiltelefon am Ohr aus dem Olympiastadion, weg von der Kabine des AC Mailand, aus der dumpfe Fußballgesänge nach draußen drangen. Immer weiter an der Stadionmauer entlang spazierte der Mann, bis er nach ein paar Minuten an diversen Büros der Einsatzleitung vorbei kam. Ordner und Beamte schauten verwundert durch die großen Fenster hinaus: Filippo Inzaghi stand da vor ihnen, oben im Spielertrikot, unten nur noch in Boxershorts. Nachdem der 33-Jährige, der das Finale der Champions League mit seinen beiden Toren zum 2:1-Sieg gegen Liverpool entschieden hatte, das Gespräch beendet hatte, schlenderte er wieder zurück, hartnäckig verfolgt von einem griechischen Polizisten, der ein Autogramm haben wollte. Nahezu unbemerkt huschte er zu den Feierlichkeiten in den Stadiontrakt.

Der Stürmer ist der Großmeister der halb legalen Schleichwege.„Inzaghi kam schon im Abseits zur Welt“, hat Manchester Uniteds Trainer Alex Ferguson einmal vermutet, was in Wahrheit ein großes Kompliment war. Dass Inzaghi der Held der Champions League 2007 werden würde, damit war wirklich nicht zu rechnen. Geplagt von zahlreichen Verletzungen hat er die vergangen zwei Spielzeiten nur als Ergänzungsspieler erlebt. Milans Trainer Carlo Ancelotti hatte vor der Partie eigentlich zum beweglicheren Alberto Gilardino tendiert, doch dem flatterten angeblich die Nerven. So musste der notorische Pippo ran, ein Auslaufmodell, in vielerlei Hinsicht, fürs moderne Kollektivspiel nur noch begrenzt verwendbar: Er rennt, großzügig geschätzt, nur noch 500 Meter in 90 Minuten, und zwar in 50 Zehn-Meter-Sprints.

So war er kurz vor Ende der ersten Hälfte auch in einen Freistoß von Andrea Pirlo gelaufen. Von der Schulter prallte der Ball unerreichbar ins Tor, und der alte Pippo war hinterher so unverschämt, den Zufall als einstudierte Variante zu verkaufen. „Mein zweites war schöner“, fügte er an; es war ja noch inzaghischer: Steilpass, Sprint aus abseitsverdächtiger Position, sachlicher Abschluss. Inzaghis Treffer besiegten die gruseligen Gedanken an Istanbul vor zwei Jahren, das verlorene Endspiel gegen Liverpool nach der 3:0-Führung. Dann aber erinnerte sich das Spiel an eine Grundregel des Horrorgenres: Das Grauen kommt kurz vor Schluss immer zurück, ein letztes Mal. Dirk Kuyts Anschlusstreffer in der 89. Minute ließ die Mailänder noch kurz bangen.

„Mein Herz ist in zwei Stücke gebrochen“, klagte Liverpools Kapitän Steven Gerrard, „das ist der Tiefpunkt meiner Karriere.“ Weh tat die Niederlage, weil die Reds die Italiener lange Zeit sehr klein gehalten hatten. Das Konzept von Trainer Rafael Benitez, Druck auf den Quarterback Andrea Pirlo auszuüben und Milans Mittelfeld über die Flügel zu umgehen, ging vorzüglich auf. Was fehlte, war allein die Fähigkeit, den Plan mit Toren zu vollenden. Benitez ist ein überzeugter Technokrat, er beschwerte sich, dass Schiedsrichter Herbert Fandel das Spiel vor Ablauf der angezeigten drei Minuten Nachspielzeit abgepfiffen habe, nämlich nach „zwei Minuten, 43 Sekunden und 51 Hundertsteln“. Das ist typisch für Benitez, der den Fußball mit Hilfe von Computerprogrammen in Zahlen zerlegen und in eine Erfolgsformel zu verwandeln versucht.

Trotzdem musste er einsehen, dass Inzaghis Kunst, Inzaghi zu sein, sein System besiegt hatte. „Er war isoliert, hatte aber die Qualität, das Spiel zu entscheiden“, sagte der Spanier. Je ausgefeilter die Konzepte werden, desto größer ist der Bedarf an Spielern, die diese überwinden. Inzaghi triumphierte über den Gegner und die taktischen Zwänge. Ein 33-Jähriger gegen die Maschine: Das ist eine äußerst romantische und im speziellen Fall von Inzaghi ziemlich absurde Vorstellung. Aber auch nicht absurder als ein Millionär, der in der Stunde seines größten Triumphs in der Unterhose durch die Gegend spaziert.

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