Sport : Allein unter Freunden

Der Brasilianer Marcelinho war bei Hertha immer schon ein Außenseiter, jetzt ist er vollständig isoliert

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Es ist halb neun in Bad Waltersdorf, die Sonne geht langsam unter. Es ist, als ob in diesem kleinen Dorf in Österreich alles etwas langsamer läuft. Marcelinho sitzt auf einer Steinmauer vor dem Mannschaftshotel von Hertha BSC, er ist allein. Zwei Journalisten verlassen das Hotel. Marcelinho guckt sie an, seine Augen sind traurig. „Wie geht es dir?“, fragt einer. „Gut“, sagt Marcelinho, er lacht etwas unsicher. Pause, dann sagt er: „Ich denke über das Leben nach.“ Marcelinho schaut auf den Boden, er schluckt.

Marcelinho hat bisher ein aufregendes Leben geführt, er ist Fußballprofi, verdient zwei Millionen Euro im Jahr, und in Berlin war er der Liebling der Fans. Doch ob es so weitergeht? Will er überhaupt bei Hertha bleiben? „Ja“, sagt der Brasilianer. „Aber Dieter muss bis Freitag Bescheid sagen.“ Dieter ist Dieter Hoeneß, der Manager des Fußball-Bundesligisten, aber warum bis Freitag? „Ich darf sonst nicht mehr Uefa-Cup spielen bei einem anderen Verein. Ein Berater hat mir gesagt: Geht nicht.“ Die Journalisten erzählen Marcelinho, dass das nicht stimmt. Sie sprechen noch eine Weile mit ihm, und Marcelinho überlegt, ob er mit ihnen in ihr Hotel fährt. Er kennt beide kaum. Sie gehen, er bleibt.

Marcelinho ist zehn Tage zu spät aus dem Urlaub zurückgekehrt, und als er endlich in Herthas Trainingslager eintrifft, wird er von seinen Kollegen zunächst einmal gemieden. Das ist nicht wirklich ungewöhnlich. Marcelinho hat noch nie viel mit seinen Mitspielern gesprochen. Doch dieses Mal sind sie wütend auf ihn. „Wir machen Kondition, und einer bleibt im Urlaub. Egal wer das ist, es geht nicht. Das werden wir so schnell nicht vergessen“, sagt Ellery Cairo. Möglicherweise kommt Marcelinho am Samstag im UI-Cup-Rückspiel beim FK Moskau trotzdem zum Einsatz. Ohne ihn hatte Hertha im Hinspiel lediglich ein 0:0 geschafft. Am Mittwochabend im Testspiel (3:0) gegen Schwadorf darf Marcelinho erstmals mitspielen – prompt erzielt er einen Treffer per Freistoß selber und bereitet einen weiteren vor. Vielleicht braucht die Mannschaft ihn, um im UI-Cup weiterzukommen. Ein gutes Spiel könnte auch seinen Marktwert steigern. Fußballerisch ragt er immer heraus, auch der verspätete Trainingsbeginn macht sich bei seiner Fitness nicht negativ bemerkbar. „Er hatte damit noch nie Probleme, auch jetzt nicht“, sagt Konditionstrainer Carsten Schünemann.

Kurz nach seiner Rückkehr ist Marcelinho in einem Trainingsspiel erstmals am Ball. Er guckt nach links – und von rechts kommt Christopher Samba angerauscht. Marcelinho stürzt zu Boden. So geht es zwei-, dreimal. Dann bekommt Marcelinho den Ball im Mittelfeld. Er täuscht einen Pass nach links an und geht rechts vorbei. Der Weg zum Tor ist frei, Marcelinho könnte den Ball in die Ecke schieben. Stattdessen tippt er ihn mit der Fußspitze an, vorbei am Torwart. Von hinten kommt Solomon Okoronkwo. Er knallt den Ball ins Tor. Marcelinho lächelt, Okoronkwo lächelt. „Danke“, sagt er.

Im Umgang mit der Öffentlichkeit ist Marcelinho sorglos. Nach schlechten Spielen sind schon häufig Fotos in den Boulevardzeitungen erschienen, die ihn beim Feiern zeigen. In Bad Waltersdorf hat ein Fotograf eine Idee. Marcelinho ist nicht mit seiner Mannschaft zum Spiel gegen Moskau geflogen, er muss trainieren. In der Lobby des Hotels stehen zwei Computer, Marcelinho soll sich vor einen der beiden setzen und den Live-Ticker verfolgen. Auf der Internetseite von Hertha BSC werden die wichtigsten Spielszenen beschrieben. Marcelinho kommt zur zweiten Halbzeit aus seinem Zimmer und setzt sich wie ausgemacht vor den Computer. Der Fotograf schießt seine Fotos, es dauert nur ein paar Minuten, dann hat Marcelinho keine Lust mehr auf Live-Ticker.

Ein paar Mannschaftskollegen, die auch nicht mit nach Berlin geflogen sind, verfolgen am zweiten Computer die Berichte aus Berlin. Hin und wieder fragt Marcelinho, wie es steht oder wer eingewechselt wurde. Zwei Minuten vor Spielende sagt er zu Konditionstrainer Carsten Schünemann: „Komm, Carsten, wir gehen trainieren.“ Schünemann schaut auf den Computer. „Gleich.“ Marcelinho setzt sich wieder und tippt auf seinem Handy herum. Nach dem Ende des Spiels brechen Schünemann und die Spieler zum Training auf. Marcelinho bemerkt es nicht. Er bleibt sitzen, allein.

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