Sport : Allein unter Profis

Spandaus Wasserballer sind Außenseiter beim Europacupfinale

Helen Ruwald

Genua. Der Mann studiert Wirtschaftswissenschaften, und so nüchtern wie die Zahlen in seinen Lehrbüchern der Wirtschaftsinformatik wirkt auch Marc Politze. Wer den Wasserball-Nationalspieler der Wasserfreunde Spandau 04 zum ersten Mal neben dem Becken trifft, erlebt einen jungen Mann, der spröde statt überschäumend wirkt, rational statt emotional. Erst nach einer Weile ändert sich das. Als Politze vom Final Four der Champions League in Genua spricht, beginnt er zu fantasieren, was heute Abend im Halbfinale gegen den ungarischen Meister Honved Budapest alles passieren könnte: „Wenn der Ball statt an den Pfosten ins Tor geht oder vom Pfosten rein statt raus springt…“ – dann hat Spandau doch eine Chance. Obwohl es „eigentlich ein Wunder ist, dass wir im Final Four sind“, sagt Politze. Die anderen Teams bestehen aus Vollprofis, Spandau nicht.

Dass die Berliner in der Endrunde stehen, erstmals seit Gründung der Champions League 1997, ist auch Politzes Verdienst. Gemeinsam mit Nationalspieler Sören Mackeben kam er von Waspo Hannover nach Berlin. Seither ist die nationale Dominanz der Wasserfreunde weiter gewachsen. In der abgelaufenen Bundesliga-Saison gewannen sie alle Spiele und wurden erneut Meister – zum 24. Mal seit 1979. Doch international war Spandau, das in den 80er Jahren viermal den Europacup der Landesmeister holte, lange Zeit nicht konkurrenzfähig. Das ist inzwischen anders. Im Spiel bei Pro Recco Genua, das gegen Mladost Zagreb das zweite Halbfinale bestreitet, siegte Spandau im März 9:5 – nach 7:1-Führung. „Die haben uns unterschätzt“, sagt Spandaus Präsident Hagen Stamm.

Die Berliner, die in der Zwischenrunde der Champions League gegen Budapest 7:9 verloren, sind Außenseiter. Unter Druck stehen die anderen – das ist Spandaus Vorteil. „Bei Budapest spielen sechs Olympiasieger von Sydney 2000. Letztes Jahr waren sie in der Champions League Zweiter, die wollen diesmal den Sieg“, sagt Kapitän Patrick Weissinger. „Wir dagegen haben unser Ziel schon erreicht.“ Die Qualifikation für Genua nämlich. Wenn sein Team gegen Budapest nicht gleich mit drei Toren in Rückstand gerate, sei alles möglich. Für Spandaus Trainer Peter Röhle wäre alles, was besser ist als Platz vier, „der i-Punkt auf eine erfolgreiche Saison“. Weissinger gibt sich selbstbewusster: „Dass wir die Champions League gewinnen, ist nicht absolut unrealistisch.“

Entscheidend dürfte sein, wie die Spandauer reagieren, wenn im Freibad von Genua 3000 Fans lärmen, „und nicht 300 wie in unserer Schöneberger Schwimmhalle“, wie Trainer Peter Röhle sagt. Weil auf der Tribüne nicht nur Fans, sondern auch Vereinsvertreter aus ganz Europa sitzen werden, hat Hagen Stamm in den vergangenen Tagen noch Vertragsgespräche mit allen 14 Spielern geführt. Spandaus Wasserballer bekommen grundsätzlich nur Einjahresverträge, und Stamm will verhindern, dass seine Spieler nach dem Final Four mit besser dotierten Kontrakten nach Italien oder Spanien gelockt werden. „Mit zehn Spielern sind wir uns einig, bei drei weiteren bin ich guten Mutes“, sagt Stamm. Patrick Weissinger steht aber, so bestätigte Manager Hans-Uwe Dettmann, vor einem Wechsel nach Italien oder Spanien. Ein anderer dürfte bleiben: Marc Politze will sein Studium vorantreiben. Ganz nüchtern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben