Sport : Allein unter Vögeln

Trotz Höhenangst ist Corinna Schwiegershausen die beste Drachenfliegerin der Welt geworden

Thilo Komma-Pöllath

Berlin - Wenn Corinna Schwiegershausen von ihrem Sport erzählt, dann bekommt ihre Stimme diesen Singsang. So als würden ihre Worte anfangen zu schweben – wie sonst nur sie selbst. Corinna Schwiegershausen aus München fliegt Drachen und Gleitschirme. Im letzten Jahr gewann sie zum dritten Mal die Drachenflug-Weltmeisterschaft, sie ist die Beste der Welt. An diesem Wochenende will sie das auch den Männern zeigen, bei der offenen Flug-WM in Texas. „Fliegen ist für mich wie eine Meditation: höchste Entspannung und größte Konzentration“, sagt die 32-Jährige. „Das fühlt sich an wie im Karussell. Und anders als die meisten Sportler habe ich die dritte Dimension.“

Auf bis zu 3500 Meter steigt Schwiegershausen mit ihrem Drachen, in den USA oder Mexiko, wo es die Thermik zulässt, gar auf bis zu 5000 Meter, dann aber nur mit Sauerstoffflasche. Sie schwärmt davon, wie sie Auge in Auge mit den mächtigsten Greifvögeln der Erde, dem spanischen Geier oder dem Wedgetail-Adler über der Erde kreist. Bei Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 115 Stundenkilometern. „Das sind die Könige der Lüfte“, so Schwiegershausen. „Ich schaue ihnen in die Augen und sehe, dass sie uns als ihresgleichen behandeln. Die denken, wir sind auch Vögel, wenn wir auch nie so feinmotorisch und vollendet fliegen werden wie sie selbst. Faszinierend, wie sie jede einzelne Feder einsetzen können. Dagegen sind wir echte Grobmotoriker.“ Dennoch hat sie auch bei sich schon das „Vogel-Gen“ entdeckt.

Wohl kaum jemand hat den Jahrtausende alten Menschheitstraum vom Fliegen mehr verinnerlicht als Schwiegershausen. Es gibt ein Foto von ihr, da hat sie sich, wie einst Ikarus, mit Wachs Federn ankleben lassen, um ihr Vogelkleid Wirklichkeit werden zu lassen. Nur mit dem Unterschied: Corinna Schwiegershausen lässt sich ihren Traum nicht von der näherkommenden Sonne nehmen. Und auch nicht von ihren äußeren oder inneren Dämonen. Denn das ist das wirklich Erstaunliche an der Karriere der nur 1,68 Meter großen und 50 Kilo schweren Extremsportlerin: Sie ist eigentlich viel zu klein und zu leicht für ihren Sport. Und: Sie leidet unter Höhenangst. „Ich will mich meinen eigenen Schwächen stellen. Sobald ich fliege, habe ich keine Angst mehr.“ Die Geschwindigkeit, die Höhe, das gebe ihr einen Kitzel, sagt die gelernte Grafikdesignerin. „Aber darum geht es nicht in erster Linie. Es geht darum von der Natur zu lernen, dass ich mich nur mit Hilfe der Sonne bewegen kann. Gefährlich wird es nur für Leute ohne Eigenverantwortung, die bei jedem Wind und Wetter aufsteigen.“ Zu denen gehört sie nicht. Deshalb ist ihr auch noch nichts Schlimmes passiert.

Mit 16 Jahren nahm sie ihr Vater, selbst ein begeisterter Drachenflieger, zum ersten Mal mit zu einer Flugschule bei Bremen, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Zwei Jahre später durfte sie, endlich volljährig, ihren ersten eigenen Drachen lenken, weitere drei Jahre später flog sie ihren ersten Wettbewerb. Seitdem sind viele Jahre vergangenen, in denen sie zum größten Star des Drachenfliegens in Deutschland aufgestiegen ist – wenn man das von einer Sportart, die nicht im Fernsehen zu sehen ist, behaupten kann. Inzwischen fliegt sie so gut wie die besten Männer und hat durch ihre Erfolge die Geschlechterklischees durcheinander gewirbelt. Vor zwei Jahren belegte sie bei den bayerischen Meisterschaften den zweiten Platz. Weil die männlichen Piloten sich brüskiert sahen, ordnete der Veranstalter kurzerhand eine getrennte Siegerehrung an. Bei den offenen Hessenmeisterschaften gewann sie dann und keiner wagte es mehr, der Siegerin ihren wohlverdienten Respekt mit einer gemeinsamen Ehrung zu verweigern. Die mehrmalige Deutsche Meisterin und dreimalige Weltmeisterin kann darüber heute nur lächeln. In der offenen Weltrangliste hat sie es zwischen all den Männern auf einen Platz um Mitte 20 geschafft. Deshalb darf sie jetzt auch als erste Frau an der offenen Drachenflug-WM in Texas teilnehmen.

Auch in ihrem Berufsleben als Flugbegleiterin hat Corinna Schwiegershausen bei ihren Langstreckenflügen immer einen Gleitschirm im Gepäck dabei. Sie kann nicht ohne. Wann immer es die Zeit erlaubt, sucht sie sich in LA oder Sydney einen Hügel oder eine Flugschule und entflieht für ein paar Stunden dem Alltag. „Das macht mir gute Laune und der Stress ist wie weggeblasen“, sagt die Vielfliegerin, die sich in ihrem Job das Geld für ihren teuren, wenig ertragreichen Sport verdient. „Als ich letztes Jahr Weltmeisterin wurde, gab es nicht mal Champagner, den ich verspritzen konnte. Das einzige was ich bekam, war eine Medaille und die war nicht mal aus Gold. Wir verdienen nichts, deshalb müssen wir auch nicht dopen und keine Steuern hinterziehen“, sagt Schwiegershausen und grinst.

Also muss sie sich mit Erlebnissen begnügen. Und davon gibt es genug. Letztes Jahr etwa ist sie bei der WM auf dem Privatflughafen von Hollywood-Star John Travolta gelandet ist. Sein Flugplatz in Florida war Anflugspunkt der WM. Die spätere Weltmeisterin setzte mit ihrem Drachen auf der Rollbahn auf, wie es Travolta sonst mit seiner Boeing tut. „Ich bin minutenlang dagestanden und hab gestaunt, wie groß ein privater Flugplatz sein kann. In dem Moment kam John mir mit seinem Flugzeug entgegen und hob ab.“

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