Sport : Alleinfahrt

Die Tour de France sagt sich vom Weltverband los

Sebastian Moll

Wenn Marcus Burghardt an die diesjährige Tour zurückdenkt, erinnert er sich vor allem an einen Augenblick. Es war am Schlussanstieg der Alpenetappe nach Tignes, und der junge Profi vom Team T-Mobile kämpfte weit hinter dem Feld darum, in der Karenzzeit und somit im Rennen zu bleiben. Nur wenige Kilometer unterhalb des Gipfels dann ein Schock – auf der Straße lag nach einem Zusammenprall mit einem Zuschauer, bewusstlos und schwer blutend, sein Mannschaftskamerad Patrik Sinkewitz. „Ich dachte noch, das ist jetzt unmenschlich, hier vorbeizufahren“, sagte Burghardt, zwei Tage vor Paris auf der Terrasse des Hotels Orsay gegenüber dem Bahnhof von Montauban sitzend. „Aber ich musste doch im Rennen bleiben.“

Als Radprofi bei der diesjährigen Tour de France brauchte man vor allem eine Fähigkeit, um seinen Job zu erledigen, nämlich die, Dinge auszublenden und einfach weiterzustrampeln. Die Tatsache etwa, dass die Tour und der ganze Radsport auf der Kippe stehen und dass niemand weiß, wie und ob es mit diesem Sport weitergehen soll. „Ich möchte eigentlich die nächsten zehn Jahre in diesem Sport bleiben“, sagt der 24 Jahre alte Zschopauer etwa. Aber niemand weiß heute, in welcher Form der Profizirkus weiter existieren oder was aus der Tour de France wird.

Eine Entwicklung zeichnete sich immerhin am vorletzten Tour-Tag deutlich ab: Es wird wohl zu einer Spaltung des Radsports kommen. Am Start des Einzelzeitfahrens in Cognac hielten die Tour- Chefs Christian Prudhomme und Patrice Clerc eine wütende Rede gegen den Radsportverband UCI, der „gewissenlos und machiavellistisch“ die Tour untergrabe. Durch ihre lässliche Haltung habe die UCI der Tour in diesem Jahr „schwere Schläge“ versetzt, beschwerte sich Prudhomme. Und deshalb werde man es sich in Zukunft nicht mehr gefallen lassen, dass dopingverdächtige Fahrer wie Sinkewitz, Moreni und Rasmussen zur Tour zugelassen werden. Deshalb werde sich die Tour aus dem bisherigen System des Profiradsports wohl endgültig ausklinken.

Wie das neue System aussehen wird, so Prudhomme und Clerc, soll bei einem Gipfel im Oktober diskutiert werden, zu dem alle „Kräfte geladen werden, die es mit einem neuen Radsport ernst meinen“. Klar ist bislang nur so viel: Die Tour-Organisation ASO will in Zukunft absolute Kontrolle darüber, wer bei ihrem Rennen und den anderen Rennen, die sie veranstaltet, mitmachen darf und wer nicht. „Wir werden einen ethischen Pass von jedem verlangen, der bei unseren Wettbewerben startet“, so Prudhomme. Er hoffe zwar sehr, dass sich viele Teams für diesen Weg entscheiden. „Wenn es aber nur 12 anstatt 20 Mannschaften sind, dann halten wir auch eine Tour mit nur 12 Mannschaften ab.“

Pat McQuaid, der Präsident der so böse gescholtenen UCI, stand derweil etwas verloren vor den Gittern des Tour-Village, des Zeltdorfes am Start jeder Etappe, im Regen und wunderte sich über solch offene Feindseligkeiten. Nicht einmal Zutritt zum Village und den anderen abgesperrten Bereichen hatte McQuaid, weil Prudhomme ihn zur unerwünschten Person erklärt hatte. „Ich kann doch gar nichts für die ganzen Dinge, die die Tour mir vorwirft“, sagte der Ire. „Ich wollte noch nie der Tour schaden.“ Die Pläne der Tour, sich von der UCI unabhängig zu machen, nannte er „ganz schlecht für den Kampf gegen das Doping“. Ganz abgesehen davon glaubte McQuaid, habe die Tour-Holding-Gesellschaft ASO gar nicht das Recht, sich unabhängig zu machen: „Die Tour gehört nicht der ASO, sie gehört der Radsportfamilie.“

In dieser Formulierung schwang eine Warnung mit, und die Tour wird in den nächsten Wochen zu klären haben, unter welchen juristischen Voraussetzungen sie sich überhaupt von McQuaids Organisation lossagen kann. Marcus Burghardt und seinen jungen Kollegen bleibt bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich Konturen des Radsports der Zukunft abzeichnen, wohl nur eines: strampeln und ausblenden.

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