Sport : Alles anders und doch wie immer

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Helen Ruwald über Alba Berlins

wirre Wege zum sechsten Meistertitel

Die Aussage war gewagt: „Wir werden Deutscher Meister“, tönte Marko Pesic. 8500 Fans in der Max-Schmeling-Halle hörten zu. Man schrieb den 10. November 2001, Alba Berlin, der Meister von 1997 bis 2001, hatte das Heimspiel gegen Rhein Energy Cologne 76:85 verloren und rutschte in der Tabelle immer weiter nach unten. Es war die dritte von acht Niederlagen in der Bundesliga - in der gesamten Vorsaison hatten die Berliner nur zwei Bundesligaspiele verloren. Es ging dahin mit Alba, die Ära der Unbesiegbaren schien dem Ende entgegenzurumpeln, unrühmlich und unerwartet. Spielerknochen waren gebrochen, Menisken gerissen, die Psyche angeknackst, die erstarkten Gegner respektlos. Die Konkurrenz frohlockte, die Öffentlichkeit spottete. Mannschaft und Präsidium waren aneinander geraten, weil das Team in Tel Aviv antreten musste, obwohl einige Spieler Sicherheitsbedenken hatten. Dejan Koturovic schließlich hatte eigenmächtig seinen Urlaub verlängert, war suspendiert und Wochen später begnadigt worden – weil Alba, der Vorzeigeklub, panisch den völligen Niedergang stoppen wollte. Dann kam Pesic mit seiner Meister-Prognose. War es Größenwahn? Trotz? Realitätsverlust?

Am 25. Mai 2002 äußerte sich Pesic erneut, im Energy Dome zu Köln, diesmal fingen Fernsehkameras seine Aussage ein. „Das war die beste Alba-Mannschaft aller Zeiten“, sagte er. Die Berliner waren gerade zum sechsten Mal in Folge Deutscher Meister geworden, erstmals überhaupt hatte eine Mannschaft, die als Fünfter in die Play-offs gegangen war, sich noch den Titel erkämpft. Und vor allem erspielt. Null Niederlagen steckte Alba im Viertelfinale gegen Rekordmeister Leverkusen, im Halbfinale gegen Tabellenführer Frankfurt und im Finale gegen Köln ein. Je zweimal besiegten die Berliner alle drei Teams gar auswärts. Alba dominierte und triumphierte.

Dabei wurde nach der Niederlage gegen Köln im November zunächst nichts besser und alles schlimmer. Verletzte fehlten wochenlang, beim Aus in der Vorrunde der Euroleague blamierte sich Alba, das Ambitionen hat, zur europäischen Spitze aufzuschließen, mit nur drei Siegen aus 14 Spielen. Weil aber erfreulicherweise auch jeder Basketball spielende Mensch etwas hat, was sich Charakter nennt, wurde alles anders. Auf den besonderen Charakter des werfenden Personals führen jedenfalls Trainer und Präsidium die plötzlichen Großtaten zurück. Viele Egoisten verbündeten sich rechtzeitig zu einer Mannschaft. Verschreckt hatte sie womöglich die Drohung des Präsidenten, das Team für die kommende Saison völlig umzubauen. Auslaufende Verträge und bevorstehender Arbeitsplatzverlust verstärkten das wunderbare Gemeinschaftsgefühl ungemein. Just zu diesem Zeitpunkt waren obendrein alle Knochen geheilt, die Psyche durch den Pokalsieg ebenso. Meisterliches Timing. Basketballerische Fähigkeiten waren den Berlinern ohnehin nie abzusprechen, auch das Bankpersonal ist mit ebensolchen mehr gesegnet als die Kollegen in Frankfurt und Köln, wo sich obendrein Leistungsträger aufs Krankenlager begaben, als sich die Berliner längst davon erhoben hatten.

Und so kam es, dass Marko Pesic an jenem 25. Mai von der besten Alba-Mannschaft aller Zeiten sprach. Er klang kein bisschen größenwahnsinnig.

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