Sport : Alles auf Anfang

Michael Rosentritt

Jürgen Klinsmann ist eine Überraschung gelungen. Aber die heißt nicht David Odonkor, sondern – Jürgen Klinsmann. Der Bundestrainer ist wieder der, der er war, als er vor 22 Monaten die Verantwortung über die wichtigste Mannschaft des Landes übernahm: der ausländische Kandidat. Nie wieder ist er sich im Laufe seiner Amtszeit so nah gekommen wie bei der Bestimmung seines WM-Kaders. Wenn die Entscheidung in der Torwartfrage ein kleiner Fingerzeig war, so hat Klinsmann jetzt noch einmal kräftig ins Rad gegriffen. Wie damals hat er eiskalt entschieden, seine Überzeugung verbindlich mitgeteilt und alle Bedenken federnden Ganges weggelächelt. Kalifornien-Jürgen eben. Der Kader, mit dem er Weltmeister werden will, ist wie er: mutig und unorthodox, aggressiv und charmant.

Jürgen Klinsmann hat die Witterung wieder aufgenommen. Man könnte auch sagen, der Bundestrainer hat zu sich zurückgefunden. Er ist zurückgekehrt zu den Überzeugungen zu Beginn seiner Amtszeit. Damals war von einer neuen Zeitrechnung im deutschen Fußball die Rede, die Aufbruchstimmung war greifbar. Klinsmann gab den Gegenentwurf zu seinen konservativen Vorgängern wie Vogts, Ribbeck, Völler. Klinsmann wollte den ganzen Laden, gemeint war der DFB, auseinander nehmen. Dasselbe ist jetzt der Nationalmannschaft widerfahren. Diesmal hat er Spieler wie Kuranyi, Owomoyela und Ernst aussortiert, die fester Bestandteil des Teams waren. In Odonkor hat er einem Spieler Vertrauen geschenkt, mit dem er bis gestern kein einziges Wort gewechselt hat. Gut möglich, dass die Nominierung nun tatsächlich den Mentalitätswechsel hervorbringt, den Klinsmann vor 22 Monaten eingeleitet hatte, der aber in der Zwischenzeit verloren gegangen schien.

Dass Klinsmann der Liga kleine Zugeständnisse machte, dass er in Nowotny das personifizierte EM-Versagen reaktivierte, all das erscheint als reines Ablenkungsmanöver. Wenn sich Jürgen Klinsmann in den vergangenen knapp zwei Jahren gewandelt haben sollte, dann nur, um sich am Ende treu zu bleiben.

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