Sport : Alles auf einen

Lukas Podolski gilt als Nachfolger Gerd Müllers – daraus könnte auch eine Last werden

Michael Rosentritt[Bremen]

Adolf Katzenmeier hütet die Box mit dem Eis. Im Spiel gegen Südafrika sitzt der kleine weißhaarige Herr am Ende der deutschen Ersatzbank. Katzenmeier hat viele Generationen von Nationalspielern erlebt. Ihn bringt nichts mehr aus der Ruhe. Der Physiotherapeut ist beinahe so alt wie der Deutsche Fußball-Bund. Aber in der 83. Spielminute schnellt er von seinem Sitz hoch, wie man es von ihm zuletzt in den frühen Siebzigern gesehen hat. Diesmal aber kommt nicht Gerd Müller, sondern Lukas Podolski vorbei, um sich eine Hand voll Eis abzuholen – Abkühlung für den jungen Helden.

Lukas Podolski hat beim deutschen 4:2-Sieg gegen Südafrika drei Tore geschossen. Eins schwieriger und schöner als das andere. Er hat jetzt zehn Tore in 17 Spielen erzielt. Vielleicht ist der Vergleich mit dem erfolgreichsten deutschen Torjäger etwas gewagt, aber nicht nur Katzenmeier hat am späten Mittwochabend in Bremen den neuen Gerd Müller gesehen. Diejenigen Stürmer, die Müller (62 Länderspiele, 68 Tore) noch am nächsten kamen, überschlugen sich in ihren Hymnen. Für Jürgen Klinsmann (108 Länderspiele, 47 Tore) war es „absolut beeindruckend, wie dieser Kerl spielt. In seinem Alter war ich noch in der zweiten Liga. Das ist ein ganz außergewöhnliches Talent, das da heranwächst.“ Oder Oliver Bierhoff (70 Spiele, 37 Tore): „Poldi ist unfassbar. Er ist eiskalt vor dem Tor“, schwärmte der Nationalmannschafts-Manager: „Das erste Tor war Weltklasse, beim zweiten schiebt er den Ball dem Torwart durch die Beine und das dritte Tor – da gibt es weltweit ganz wenige, die ohne Ansatz so schießen können.“

Und genau da fängt das Dilemma für Lukas Podolski und für den deutschen Fußball an. Ist der Kölner zu jung, zu unerfahren, um so gut zu sein? Der Trubel wird ihn seine Unbekümmertheit kosten, ihn vielleicht sogar erdrücken. Sagen die einen. Der Auftritt des 20 Jahre alten Kölners hat den Deutschen die Hoffnung zurückgegeben, bei der Weltmeisterschaft 2006 um den Titel mitspielen zu können. Während Günter Netzer dem Bundestrainer empfahl, nie wieder auf Podolski zu verzichten, sprach Klinsmanns Assistent Joachim Löw von den „unglaublichen Qualitäten“ als Torjäger. „Aber wir müssen sehen, dass wir ihn im kommenden Sommer in die Form kriegen. In dieser Verfassung ist Podolski überragend.“

Doch wie bleibt Lukas Podolski in dieser Verfassung? Wie viel Jubel und Euphorie sind gut für einen 20-Jährigen, und wann schadet sie? Der Vergleich mit Gerd Müller „ist mir egal“, sagte Podolski, „jetzt steht so etwas in der Zeitung, beim nächsten Mal etwas anderes. Aber das ganze Drumherum macht mir nichts aus.“ Das mag er so sehen, der Bundestrainer sieht jedoch die Gefahren eines Starkults aufkommen. „Wir müssen ihn behutsam aufbauen. Wir müssen ihn jetzt wieder einpegeln, dass er das kopfmäßig verarbeiten kann“, sagte Klinsmann und appellierte an die Medien: „Lasst ihn schnaufen, lasst ihn leben.“

Es habe sich ausgezahlt, Podolski gegen Holland weggelassen zu haben. Podolski war erst irritiert, „aber dann hat mir der Jürgen Klinsmann alles erklärt. Dann habe ich im Training wieder Gas gegeben, und jetzt bin ich ja wieder dabei.“ Seinen Mitspielern in der Nationalmannschaft, speziell der Fraktion der Jungen, tut es gut, dass der Kölner dabei ist. „Von zehn Bällen sitzen bei ihm acht. Sein linker Fuß erinnert mich an Roy Makaay“, sagte Bastian Schweinsteiger. Und Per Mertesacker fügte hinzu: „Er weiß immer, wo das Tor steht.“ Soll heißen: Dieser Podolski ist derjenige, der im Zweifelsfall ein Tor mehr schießt, als die Mitspieler hinten zulassen. Und das macht ihn so wertvoll.

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