Sport : Alles auf Ende

Hollands Trainer Advocaat verzögert den Rücktritt

Stefan Hermanns[Lissabon]

Drei Wochen hatte die schöne Fassade gehalten, am Ende stürzte sie doch noch ein. Was er denn machen werde, falls Dick Advocaat Trainer der holländischen Nationalmannschaft bleibe, wurde Patrick Kluivert nach dem verlorenen Halbfinale gegen Portugal gefragt. Der erfolgreichste Torschütze der holländischen Länderspielgeschichte hatte während der Europameisterschaft als einziger Feldspieler seiner Mannschaft keine einzige Sekunde auf dem Platz gestanden. Seine schwierigste Prüfung hatte darin bestanden, den schönen neuen Mannschaftsgeist nicht zu beschädigen. Wenn Advocaat also im Amt bleiben sollte, „dann mache ich das, was ich jetzt auch mache“, sagte Kluivert, drehte sich um und ging.

Der Abend, der Holland zum ersten Mal seit 1988 wieder in das Endspiel eines großen Turniers bringen sollte, wurde ein Abend des Abschiednehmens. Jaap Stam (31), Frank de Boer (34) und Marc Overmars (31) hatten schon vor der EM das Ende ihrer Nationalmannschaftskarriere angekündigt. Phillip Cocu (33) und Paul Bosvelt (34) werden ihnen wohl folgen. Pierre van Hooijdonk (34) will zwar nicht zurücktreten, allerdings ist es unwahrscheinlich, dass er noch einmal in der Nationalmannschaft spielt. Vor allem aber wird deren Trainer nicht mehr Dick Advocaat heißen.

„Nächste Woche werde ich eine schriftliche Erklärung abgeben“, sagte Advocaat. „So lange müsst ihr noch warten.“ Die Entscheidung ist längst gefallen, doch mit der Vertagung wahrt der Bondscoach den Schein, dass er der Herr des Verfahrens ist. Außerdem erspart er seinem Arbeitgeber die Peinlichkeit, ihn entlassen zu müssen. Advocaat weiß, dass es ihm nach dem unwürdigen Schauspiel um seine Person unmöglich ist, den Vertrag bis 2006 zu erfüllen. In den Niederlanden hat die Causa inzwischen sogar eine politische Dimension angenommen. Der Fußball-Experte Jan Mulder hat von Ministerpräsident Jan Peter Balkenende eine öffentliche Entschuldigung dafür verlangt, dass der ihn als Anstifter der Volkswut gegen Advocaat bezeichnet haben soll. Daraufhin schrieb Balkenende einen Offenen Brief an Mulder: „Diese Entschuldigung bekommen Sie nicht.“

Inzwischen hat sich die öffentliche Stimmung zugunsten Advocaats gewandelt. Fast 80 Prozent der Holländer halten die Kritik an ihm für überzogen, nur acht Prozent machen ihn für das Ausscheiden verantwortlich. „Die Leute sind ein bisschen zu weit gegangen“, sagte Roy Makaay über die Kritik. Advocaat mag die fußballerische Fantasie seiner Landsleute nicht unbedingt beflügelt haben, aber er kann sich zu Gute halten, dass er mit dieser Mannschaft das bestmögliche Resultat erzielt hat. Von den großen Namen Davids, Kluivert, Seedorf, de Boer oder Overmars sollte man sich nicht blenden lassen. Selbst auf dem Zenit ihres Könnens haben diese Spieler mit der Nationalelf nichts erreicht; wieso hätte ihnen das im Epilog ihrer Karriere gelingen sollen? „Das Halbfinale war das Maximum“, sagte Ruud van Nistelrooy.

Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari erzählte, dass er 1995 mit Gremio Porto Alegre das Finale um den Weltpokal gegen Ajax Amsterdam verloren habe. Vier Ajax-Spieler von damals standen in Lissabon noch auf dem Feld. „Neun Jahre habe ich auf die Revanche gewartet“, sagte Scolari. Neun Jahre hat Holland darauf gewartet, dass diese außergewöhnliche Generation auch im Nationaltrikot Außergewöhnliches zu Wege brachte. Vergebens.

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