Sport : Alles geben für ein Lob

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Von Frank Bachner

Berlin. Die Geschichte klang einigermaßen kurios, fast schon komisch, und deshalb fragte der Physiotherapeut: „Sagen Sie mal, wie kann man sich im Wasser, beim Synchronschwimmen, das Knie verletzen?“ In seinem Behandlungszimmer saß, kurz vor der Schwimm-Europameisterschaft, Cornelia Libal, sie grinste kurz, und dann erzählte sie von Rotationsbewegungen und Fliehkräften. Vielleicht verstand der Physiotherapeut nicht alles, aber Cornelia Libal erfuhr, dass sie knapp an einem Kreuzbandriss vorbeigeschrammt war. Da wusste die 19-Jährige, dass sie bei der EM auf den Start mit der deutschen Synchronschwimmerinnen-Mannschaft verzichten würde. Sie wollte kein Risiko für die Team-Wertung darstellen, obwohl sie Deutsche Meisterin im Einzel ist. Also startet sie in Berlin nur im Solo und im Duett. Im Solo hat sie gestern überraschend das Finale erreicht, damit hatte sie nicht unbedingt gerechnet. Allerdings wurde sie dann Zwölfte und Letzte.

Sie rechnete überhaupt nicht mit Finalteilnahmen, weder mit dem Team noch im Solo noch im Duett. Sie sagt das auch ziemlich gelassen, und damit wird Libal zur Geschichte. Zumindest beginnt damit der erste Teil. Denn Cornelia Libal ordnet alles dem Sport unter. So jemand orientiert sich eigentlich an Zielen, Titeln, Medaillen. Cornelia Libal sagt: „Synchronschwimmen ist meine Priorität.“ Das ist mehr als ein Spruch. Sie lebt ihn. Sie lebt ihn derart intensiv, dass sie sich dafür exmatrikulieren ließ vor der EM. Maschinenbau an der Universität München – ein abgehaktes Thema für die Ex-Studentin Libal.

Sie ist einfach zu ehrgeizig. Sie wollte auch das Studium optimal machen. Aber dann saß sie sechs Stunden in der Uni, hetzte zum Training, machte weder Studium noch Sport richtig, und nach dem ersten Semester dachte sie intensiv nach. Damals war sie schon dreimalige Deutsche Meisterin im Solo und EM-Elfte mit dem Team, und als es im „zweiten Semester schlimmer wurde“, gab sie auf. Das Studium, nicht den Sport. Die Eltern hatten nichts dagegen, „die müssen mich ohnehin sponsern“. Jetzt unterstützen sie halt eine Ganztags-Sportlerin. Und Libal empfand ihre eigene Entscheidung als „ befreiend“.

Gut, ihr Studium stellen auch andere Sportler zurück. Aber die reden von Medaillen und von Titeln oder wenigstens vom Willen, die zu erreichen. Vor allem, wenn sie sich für den Sport sogar exmatrikulieren ließen.

Aber Cornelia Libal redet anders, und damit beginnt der zweite Teil ihrer Geschichte. Die Frage nach dem Sinn. Denn Libal sagt: „Ich kann bei der EM die beste Solistin sein, ich werde trotzdem nie Gold holen. Die Kampfrichter kennen mich nicht.“ Sie ist kein Star, sie ist zu selten bei Top-Wettkämpfen, sie hat das Prinzip der eigenen internationalen Erfolglosigkeit, diese Ungerechtigkeiten des Systems, quasi verinnerlicht. Aber sie trainiert sieben Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, sie startet in Deutschland bei Wettkämpfen, die keiner sehen will, sie gewinnt nationale Titel, die ihr nicht allzu viel bedeuten. Nur: wofür? Wofür schindet sie sich so?

Für das, objektiv gesehen, geringste aller Erfolgslebnisse. „Für ein Lob meines Trainers“, sagt sie, „schinde ich mich so. Das ist für mich der ganze Antrieb. Dafür lebe ich diesen Sport.“ Geringer können Ansprüche eigentlich nicht sein. Es ist aber eine auch fatale Denkweise. Denn ein Tadel, ein kritischer Blick, das ist die kalte Logik, wirkt deshalb wie ein Keulenschlag. „Wenn er mich kritisiert“, sagt Libal, „geht für mich eine Welt unter.“ Sie sagt wirklich: Eine Welt geht unter. Kritik ist Wesen des Trainings, aber für Libal ist sie entscheidend für ihr ganzes Denken. Wenn am nächsten Tag wieder Lob kommt, „ist alles o.k.“. Aber wenn der einen Kritik die nächste folgt, „wirkt das tagelang brutal“. Dann, dieser Eindruck entsteht jedenfalls, ist der Mensch, nicht bloß die Sportlerin, ins Herz getroffen. Gut, vielleicht ist das ja auch übertrieben. Aber auf jeden Fall gibt’s, bei der EM zumindest, die Chance, dass es für sie noch mehr Erfolgserlebnisse als ein Lob am Beckenrand in Neuburg gibt: ein zweiter Finalstart zum Beispiel. Am Samstag startet Cornelia Libal im Duett.

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