Sport : Alles in geordneten Bahnen

Sie entscheiden, wer reinkommt und wer rausfliegt – was wir mit Stadionordnern schon erlebt haben

Philipp Köster

Fußballfans begegnen ihnen jedes Wochenende: Ein dicker Riss in der Eintrittskarte, ein grimmiger Blick in den Rucksack. Müssen Stadionordner so sein? Unsere erste Begegnung mit einem Ordner hat uns geprägt. Wir waren vierzehn Jahre alt, standen vor der Stadionkasse und reckten dem Kontrolleur unseren Schülerausweis entgegen. Unser Plan: auf dem Kinderticket bis zwölf Jahre für fünf Mark ins Stadion gelassen zu werden. Unser Verbrechen: Wir hatten unser Geburtsdatum im Schülerausweis mit Filzstift großzügig um zwei Jahre zurückdatiert. Nun musste uns nur noch der knurrige Herr mit Ordnerweste am Eingang durchwinken.

Doch der starrte gefühlte fünfzehn Minuten auf unseren Ausweis und wendete ihn mehrfach hin und her, ganz so, als sei er soeben einer irakischen Passfälscherbande auf die Spur gekommen. Wir mühten uns derweil, möglichst unauffällig herumzustehen. Wir waren bereits kurz davor, auf den Knien unseren feigen Betrug zu gestehen und uns zur Kasse für Jugendliche und Schwerbehinderte zu verziehen, als uns der Ordner dann doch noch zur Kasse ließ. Kaum waren wir dann im Stadion und außer Hörweite, machten wir unserem Ärger Luft und maulten: „Pah, so ein Wichtigtuer.“ Und wir hatten bis heute keinen Anlass, unser Urteil zu revidieren. Inzwischen glauben wir nämlich: Ordner sind so.

Das fängt schon am Stadioneingang an. Natürlich reißt der Ordner nicht nur die Kontrollecke unserer Eintrittskarte ab, sondern gleich die komplette Karte mitten durch und grinst dabei. Wir sind uns sicher, er denkt gerade: „Tja, Sportsfreund, du wolltest die Karte aufheben und sammeln. Aber ich habe sie dir kaputtgemacht! Und es hat mir Spaß gemacht.“ Sind die Eingangskontrollen passiert, geht der Spaß erst richtig los. Wer umstehende Ordner nach dem Weg zum Gästeblock, zur Toilette oder zum Bierstand fragt, hat schon verloren. Scheint es doch einen bundesweiten Befehl an alle Ordnungskräfte zu geben, jeden überflüssigen Kontakt zum niederen Fanvolk zu vermeiden. Deshalb starren Ordner zumeist mürrisch über den Fankopf hinaus, wenn sie etwas gefragt werden, und vollführen dann mit dem Zeigefinger eine unbestimmte Bewegung in Richtung Sonnenuntergang. Fans kennen diese Geste, sie bedeutet: „Hier seid ihr komplett falsch, einmal ums ganze Stadion herum“. Ziemlich wichtig sieht das aus.

Wie Ordner überhaupt immer richtig wichtig ausschauen. Sogar wenn sie nur die Toilette hinter der Haupttribüne bewachen, stehen sie breitbeinig da, als schlügen gerade Kofi Annan und George Bush dort Wasser ab. Dabei haben eigentlich nur wenige Ordner wirklich Grund, wichtig auszusehen. Dann nämlich, wenn sie Bereichsleiter sind. Bereichsleiter dürfen mit staatstragender Miene auf der Haupttribüne herummarschieren und ständig geheime Kommandos ins Funkgerät murmeln. „Dreimal die Sieben für die Fünf“ oder „Zwei Leute die Acht sichern“. Niemand weiß, was diese Zahlen bedeuten. Macht aber nichts, Hauptsache, es klingt gut.

Während also die Bereichsleiter auf der Prosecco-Tribüne herumlungern, rüstet sich das gemeine Ordnervolk für den Kampf mit enthemmten Fanhorden. In der Leverkusener Bayarena trägt das Personal bereits militärisch korrekte Uniformen, ganz so, als habe man die Tracht des US-MarineCorps aus dem Altkleidercontainer gefingert. Es würde jedenfalls nicht überraschen, wenn sich Leverkusener Ordner demnächst während eines Bundesliga-Kicks unter lautem Ho-Ho-Ho-Geblöke vom Dach der Gegengerade abseilen, um einen Bierdeckelwerfer dingfest zu machen.

Anderswo ist man noch nicht ganz so weit. In Frankfurt werden die Ordner noch mit gelben Windjacken ausgerüstet, die eher an eine ausgedehnte Wattwanderung erinnern. Und in Bielefeld stülpen sich Ordner unförmige Riesenschürzen über. Was vor allem bei der obligatorischen Menschenkette vor dem Gästeblock doch arg danach aussieht, als sei ein Geburtsvorbereitungskurs kurz mal an die frische Luft gegangen.

Alle Ordner, egal wie eingekleidet, eint jedoch eines: die Furcht vor der großen Blamage. Dass sie beim Entfernen einer Klopapierrolle vom Spielfeld ausrutschen. Dass es auswärtigen Anhängern doch gelingt, Boden-Luft-Raketen ins Stadion zu schmuggeln. Oder Szenen wie beim Pokalspiel der Bayern vor einem Jahr in Kiel, wo ein Nackedei ungestört vier Runden auf dem Platz drehen durfte, bevor ihn hechelnde Ordner eingefangen hatten. Allein der Gedanke daran treibt jedem Ordner die Schweißperlen auf die Stirn.

Wobei es immer noch schlimmer kommen kann. Die fürchterlichste Ordnerdemütigung sah ich Anfang der neunziger Jahre bei einem Oberligaspiel des VfR Sölde. Vor dem Gästeblock hatten sich etwa dreißig Ordner aufgebaut, die derart grimmig dreinblickten, dass sich jeder Unfug verbat, wollte man nicht sofort auf der Flucht vor ihnen erschossen werden.

Nur einen älteren Herren mit neongelbem Brillenband kümmerte das martialische Aufgebot wenig, alle zwei Sekunden beugte er sich mit Schwung über die Bande und krakeelte selbst ausgedachte Schimpfwörter. Die Wachmänner blickten professionell unbewegt und kauten mechanisch Kaugummi, bis plötzlich besagter Fan hinter der Ordnerreihe auftauchte, sich an den Linienrichter heranschlich, ihm die Fahne stibitzte und unter großem Gejohle wieder im Fanblock verschwand. Die Fahne blieb trotz sofort eingeleiteter Großfahndung verschwunden. Die Ordner waren stinksauer und gedemütigt.

Von denen ist sicher heute noch keiner Bereichsleiter.

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