Sport : Alles muss raus!

Gerolsteiner verkauft seine Fahrräder. Ein Besuch

Oliver Trust[Herrenberg-Gültstein]

Für einen Samstagvormittag ist in der Cranachstraße viel los. Die Kartoffelernte muss auf den Markt. Gegenüber, in Nummer 15, wird auch verkauft. Keine natürlichen Produkte, die der gute Boden des „Gäus“ bei Herrenberg hergibt, sondern Rennfahrräder feinster Qualität. Das Inventar eines Profiradstalles wird abgewickelt. Wenn Bestände gewechselt werden, finden öfter kleine Verkaufsaktionen statt. Diesmal aber ist es das letzte Mal. Es ist Ausverkauf bei Gerlosteiner, dem deutschen Radrennstall, der lange glaubhaft um einen sauberen Rennsport kämpfte und dann durch seine gedopten Fahrer Bernhard Kohl und Stefan Schumacher von der Realität eingeholt wurde. Schon vor den Doping-Enthüllungen hatte Holczer keinen neuen Sponsor gefunden, die Firma Gerolsteiner zog sich zurück.

Heute gibt es Pizza, Sprudel vom Ex-Sponsor und nichts Verbotenes. Ein paar tapfere Radsportfunktionäre des RSV Öschelbronn haben den Verkauf übernommen. Hans-Michael Holczer war mal Vorsitzender, bis er das Team Gerolsteiner gründete. „Ich stell mich mal in eine Ecke“, sagt der gefallene Radsportchef zu den Journalisten, die aus allen Teilen der Republik herbeieilten. Es sollte wohl eine Anspielung sein. Holczer beteuert, nichts gewusst zu haben. Es gibt viele, die ihm das nicht glauben.

Draußen stehen noch 200 Menschen, die rein wollen. In den einst landwirtschaftlich genutzten Hallen aber ist es brechend voll. Schaulustige und Schnäppchenjäger drängeln sich um Hosen, Trikots, Laufräder, Zeitfahrhelme, Helme, Lenker, Zahnräder, Rahmen, Haferflocken, Schuhe und Nahrungsergänzungsmittel aller Art – und vielen Dosen mit Regencreme. Es geht zu wie in einem beliebten Marken-Outlet in der Provinz. Die 30 Mitarbeiter von Holczer haben vorerst eine Eingangssperre verhängt.

2900 Euro kostet ein 56-er Rahmen von Sünder Schumacher. Gebraucht, ohne Räder, ohne Lenker. Es gibt alles, und alles muss raus. „Zum halben Preis und ein Stückele weg“, sagt der Schwabe Holczer. „So kriegen sie des in koim Laden“. Die Massagebänke sind schon weg. Zu 20 Euro das Stück. „Die aus Tschechien haben fast geheult, weil sie wussten, sie tragen hier Schätze raus.“ Die beiden Teambusse stehen noch in der Garage. Sie werden auch weg gehen. „Das Beste auf dem Peloton“, sagt Holczer. Das dachte wohl auch der österreichische Dopingsünder Kohl und kaufte all seine Fahrräder. Es hängen Erinnerungen dran.

Was morgen nach dem Kassensturz ist, ist Holczer erst einmal egal. Vielleicht geht er zurück in die Schule. Eigentlich ist er Lehrer für Mathematik und Geschichte. Ein Amt im Radsport kommt vorerst nicht in Frage. „Einer, der zwei Dopingfälle in seinem Stall hatte, kann das nicht bringen“, sagt Holczer. Heute muss aber er sich retten, wie er meint, um nicht „so blank“ dazustehen wie mancher Kollege aus der Radszene. „Das hier ist eine kaufmännische Notwendigkeit“, sagt er und schluckt. Er schaut zur Kasse, dort stehen glückliche Schnäppchenjäger und schleppen im Dutzend Teil für Teil seines Unternehmens aus der Halle.

Am Abend gibt es dann eine Teamparty. Man grillt ein letztes Mal, trinkt ein Schlückchen auf eine ungewisse Zukunft. Nicht alle, ob Fahrer oder Betreuer, fanden einen neuen Job. „Ich habe zweieinhalb Jahre mit Druck und Anfeindungen gelebt, es gab immer diesen permanenten Zweifel. Aber jetzt bin nicht in einem emotionalen Tief“, sagt Holczer. Auch das nehmen ihm am Ende viele nicht ab.

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