Sport : Alles nur Kopfsache

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Eigentlich war Stanislas Wawrinka im Finale der Australian Open von vornherein chancenlos. Noch nie hatte der Schweizer in zwölf Matches mit Rafael Nadal auch nur einen Satz gewinnen können. Dazu war es auch noch sein erstes Grand-Slam-Finale überhaupt. Angesichts dieser Voraussetzungen sind schon ganz andere Spieler mental eingeknickt.

Und dann lebten im dritten Satz auch noch Erinnerungen auf an das legendäre Spiel von Michael Chang 1989 bei den French Open. Der körperlich völlig ausgelaugte US-Amerikaner musste seinerzeit im Duell mit Ivan Lendl im fünften Satz sogar von unten aufschlagen. Am Ende gewann Chang dennoch das Match, der Gegner auf der anderen Seite des Netzes war dem nervlichen Druck des Siegenmüssens nicht gewachsen.

Auch Wawrinka wackelte gegen den am Rücken verletzten Nadal plötzlich. Nicht mehr der eigentlich hoffnungslos unterlegene Spanier war das größte Hindernis auf dem Weg zum Sieg, das Finale von Melbourne spielte sich zu diesem Zeitpunkt längst im Kopf ab. Während Nadal nun jeden Ball so spielte, als gebe es kein Morgen mehr, begann Wawrinka nachzudenken. Dass er sich schließlich doch durchsetzte, hatte auch damit zu tun, dass Nadal womöglich seinerseits anfing, an eine völlig verrückte Wende zu glauben.

Die Weltspitze im Tennis liegt so eng zusammen, dass oft nur Nuancen über Sieg oder Niederlage entscheiden. Wawrinka selbst weiß das nur zu gut. Zweimal hatte er zuletzt knapp gegen Novak Djokovic verloren. Diesmal war er im Viertelfinale endlich psychisch bereit für den Sieg. Mit der Gewissheit, die ganz Großen auch bei den Grand Slams schlagen zu können, ging er in sein Endspiel mit Rafael Nadal. Gut möglich, dass Wawrinka das Match auch gegen einen gesunden Gegner gewonnen hätte. Dass das Spiel einen anderen Verlauf nahm, macht den Titel aber nicht weniger wertvoll. Denn mit seinem Sieg über sich selbst hat Wawrinka bewiesen, dass er auch mental ein Champion ist.

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