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Alles Scheibu? : Russland liegt in Köln

Tausende russische Fans machen die Eishockey-WM in Deutschland zum Heimspiel für ihr Team. Selbst Superstars wie Alexander Owetschkin sind begeistert und loben die "tolle Atmosphäre" in Köln.

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Wenn Superstar Alexander Owetschkin an der Scheibe ist, spielen die russischen Fans verrückt.
Wenn Superstar Alexander Owetschkin an der Scheibe ist, spielen die russischen Fans verrückt.Foto: dpa

Das Spiel hat Spuren hinterlassen. Die Kölnarena sieht am Sonntagabend aus, als ob in ihr ein wochenlanges Volksfest stattgefunden hat. In den Stadiongängen klebt das Bier am Boden, der Geruch umschmeichelt die Nase kaum. Es sind die Spuren einer großen Party, welche die Anhänger der russischen Eishockey-Nationalmannschaft hinterlassen haben. Beim ersten Vorrundenspiel des Weltmeisters gegen die Slowakei waren sie die klare Mehrheit unter den 18.500 Zuschauern in der rappelvollen Kölnarena.

"Ros-si-ja" und "Scheibu", so klingt es im Wechsel von den Tribünen, wenn Russland spielt. Ohrenbetäubend laut ist es auf den Rängen mit den vielen rot-weiß-blauen Fahnen. Eishockey ist in Russland halt nicht irgendein Sport. Eishockey ist russische Seele, Stolz und Heldenverehrung: In Loge 505 sitzt Wladislaw Tretjak, der einstige Weltklassetorhüter mit ein paar ehemaligen Mitstreitern. Tretjak kommt aus dem Autogrammschreiben gar nicht mehr heraus. Fahnen, Trikots, Fotos werden in die Loge geworfen. Tretjak unterschreibt alles, und sieht vom Spiel wenig.

Das ist auch nicht schlimm, denn beim ersten Auftritt zeigt das Weltklasseteam um Superstar Alexander Owetschkin wenig, müht sich zu einem glücklichen 3:1 gegen die Slowaken. Egal, die Fans bejubeln es trotzdem. Ihr Held Owetschkin wird zum besten Spieler des Spiels gewählt und sagt später: "Das war ein gutes Spiel und die Atmosphäre in der Arena war toll." Dann sagt Owetschkin noch "Dankeschön!" und geht schnurstracks in die Kabine. Schließlich wird der Multimillionär von den Washington Capitals ja fürs Eishockeyspielen und nicht fürs Interviewgeben bezahlt.

Mindestens 10.000 Russen in der Halle

Owetschkins Mitspieler Sergej Fedorow ist auskunftsfreudiger. "Wir haben im ersten Spiel gemacht, was wir machen sollten. Das hat gereicht und war gut, denn im Training sah das bei uns doch noch alles sehr chaotisch aus." Es ist eben nicht einfach mit all den vielen Stars. Glänzten die Russen zu Zeiten des Kalten Krieges mit dem Kollektiv, so finden sich heute viele verwöhnte Diven zusammen, die auch mal auf eigene Rechnung zu spielen scheinen. Es sind halt Großverdiener aus der nordamerikanischen NHL und eben aus der heimischen Kontinental Hockey-League (KHL), in der nach der NHL die besten Gehälter im Klubeishockey gezahlt werden.

Russlands Eishockey ist charmant chaotisch was die Fans betrifft, die wie die in Nordamerika arbeitenden Stars ihr Geld auch nicht in der Heimat verdienen. Aus ganz Deutschland seien die Exil-Russen angereist, sagt einer der wenigen noch nicht vom Alkoholkonsum gezeichneten Fans nach dem Spiel gegen die Slowaken. "Hier beim Spiel waren mindestens 10.000 Russen, die in Deutschland leben."

Und die WM-Party ist ja noch lange nicht vorbei, am Mittwochnachmittag ging sie weiter mit dem 4:1-Sieg der Russen gegen Kasachstan. Owetschkin erledigte seinen Job mit dem Tor zum 1:0, Kapitän Ilya Kowaltschuk ließ mehr als einmal seine Klasse aufblitzen. Dennoch ist die Euphorie - zumindest was das Sportliche betrifft - beim Anhang etwas verflogen. "Wenn wir nicht besser spielen, dann werden wir nicht Weltmeister", sagt ein russischer Fan.

Da sind die Spieler anderer Meinung, zumal die Vorrunde eh als besseres Aufwärmprogramm angesehen wird und mit Pawel Datsyuk von den Detroit Red Wings ein weiterer NHL-Topstar schon im Anflug ist. Kein Wunder, dass Sergej Federow sagt: "Wir werden uns noch stark verbessern." Auf die Stimmung in Deutschland angesprochen, lächelt der Mann, der mit seinen fast 41 Jahren schon so viel erlebt hat und erklärt ehrlich erstaunt: "Die Unterstützung hier durch unsere Fans ist unglaublich, es ist ein fantastisches Gefühl. So etwas habe ich außerhalb Russlands noch nicht gesehen." Köln und besonders die Kölnarena ist in diesen WM-Tagen eben ein Stück Russland.

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