Sport : Alonso und die Unruhe bei Mercedes

Der Wechsel des Weltmeisters hat sein künftiges Formel-1-Team offenbar nachhaltig verunsichert

Christian Hönicke[Nürburgring]

Auffallend häufig lümmelt sich Juan Pablo Montoya derzeit demonstrativ auf den Treppenstufen vor dem Eingang der mobilen Teamzentrale von McLaren-Mercedes. Es scheint, als fände der Formel-1-Pilot keine rechte Verwendung für das Kommunikationszentrum genannte Bauwerk, das sein Arbeitgeber auch zum Großen Preis von Europa auf dem Nürburgring (Sonntag 14 Uhr/live bei RTL und Premiere) mitgebracht hat. Vielleicht genießt der Kolumbianer nur das schöne Wetter in der Eifel, doch drängt sich der Eindruck auf, als habe er in diesen Tagen mit seinem Team McLaren-Mercedes nicht viel zu bereden.

Ein Grund hierfür könnte sein, dass Montoya nach mehrmaliger öffentlicher Kritik an seinem Auto und seinen Mitarbeitern gehörig „der Kopf gewaschen wurde“, wie es Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug ausdrückt. Ein anderer Grund fährt momentan noch bei einem anderen Rennstall. Noch immer muss sich Haug gegen den Vorwurf wehren, die frühzeitige Bekanntgabe der Verpflichtung des Weltmeisters Fernando Alonso von Renault zur kommenden Saison habe der Destabilisierung des Konkurrenten dienen sollen. Inzwischen sieht es tatsächlich eher danach aus, als würde die eigene Stabilität darunter leiden. Vor allem Montoya habe „sehr barsch“ reagiert, als er von dem Transfer erfuhr, gibt Teamchef Ron Dennis zu. „Aber wir konnten es nicht länger geheim halten, weil schon zu viele von dem Deal wussten.“

Jetzt wissen es also alle und müssen damit klarkommen. „Das schlägt nicht auf die Stimmung im Team bei uns“, befindet Haug. „Das mag vielleicht von außen so wirken, sieht innerhalb des Teams aber überhaupt nicht so aus." Doch die Erklärungen des stets auf Harmonie bedachten Motorsportchefs von Mercedes wirken nicht so kraftvoll wie sonst. „Wir wissen, wie wichtig die Stimmung für die Leistung ist. Deshalb gehen wir sehr fokussiert von Aufgabe zu Aufgabe, fast schon mathematisch“, sagt er.

Zwischen den beiden McLaren-Fahrern kommt nach einem Streit wegen einer Banalität während einer Testfahrt noch nicht einmal mehr eine Kommunikation über den Umweg der Zahlen zustande. Montoya und Kimi Räikkönen ignorieren sich. „Wir funktionieren als Team und geben unser Bestes", erklärt Montoya zwar, doch eine solche Aussage ruft in der vom Teamgedanken beseelten Formel 1 eher Misstrauen als Beruhigung hervor. Zu Verbesserung des Verhältnisses zwischen den beiden Piloten besteht wenig Anlass: Im nächsten Jahr werden sie ohnehin nicht mehr im selben Team fahren. Einer von beiden wird Platz für Alonso machen müssen.

Am Ende der Saison könnte McLaren-Mercedes gar in die Situation geraten, beide Fahrer ersetzen zu müssen. Nach seiner Kritik am Team ist Montoya speziell bei Ron Dennis in Ungnade gefallen. Eine Option zur Vertragsverlängerung mit dem Kolumbianer hat der Rennstall verstreichen lassen. Nun wird Montoya unter anderem mit Red Bull in Verbindung gebracht.

Räikkönen hingegen, den der Rennstall gerne halten würde, hat in der Zwischenzeit mehrere Vertragsangebote von McLaren ausgeschlagen. Es zeichnet sich ab, dass er die Option einlösen wird, die sich ihm laut Norbert Haug schon im vergangenen Jahr angeboten hat: den Wechsel zu Ferrari. „Es ist doch schön, wenn man mehrere Teams zur Auswahl hat“, sagt Räikkönen und spricht viel sagend davon, dass seine Entscheidung „keine große Überraschung“ sein wird. Nach fünf titellosen Jahren bei McLaren hat offenbar selbst der Finne, der Rückschläge scheinbar emotionslos hinnimmt, genug verpasste Chancen erlebt.

Die Aussichten auf eine bessere Zukunft stellen sich im Moment bei McLaren jedenfalls eher durchwachsen dar. Als Mitfavorit gestartet, hat der Rennstall in der bisherigen Saison enttäuscht. „Wir sind hinter dem Plan und insgesamt nicht da, wo wir letztes Jahr waren, als wir aus eigener Kraft gewinnen konnten“, gibt Norbert Haug zu. „Vor allem im Training müssen wir besser werden.“ Denn: „Mit jedem Erfolg rückt Kimi ein wenig näher zu uns.“ Allerdings ist in dieser Hinsicht wohl auch der Umkehrschluss zulässig.

Bis zum Rennen auf dem Hockenheimring Ende Juli will McLaren Klarheit in der Fahrerfrage schaffen. Zwar rechnet Norbert Haug nicht damit, im nächsten Jahr mit einem komplett neuen Paar an den Start gehen zu müssen, ausschließen will er diese Variante aber auch nicht. Es ist davon auszugehen, dass das Team nebenher bereits Gespräche mit potenziellen Piloten führt. Haug will dies nicht bestätigen, aber er stellt auch klar: „Wir sind bisher gut damit gefahren, so früh wie möglich die Zügel in die Hand zu nehmen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar