Alpine Ski-WM : Wie einst in Vancouver

Die Freundinnen Lindsey Vonn und Maria Riesch treffen heute im ersten Rennen der Ski-WM aufeinander. Die US-Amerikanerin findet die Kandahar-Strecke zu gefährlich für die Frauen. Zwei Porträts.

von
Nah beieinander. Lindsey Vonn (r.) und Maria Riesch sind befreundet, aber auch Konkurrentinnen um den WM-Titel. Foto: dpa
Nah beieinander. Lindsey Vonn (r.) und Maria Riesch sind befreundet, aber auch Konkurrentinnen um den WM-Titel.Foto: dpa

Lindsey Vonn

Sie hat Humor. Deshalb reagiert die US-Amerikanerin Lindsey Vonn auf die seltsame Frage nach dem Wäschemachen nicht genauso verstört wie ihre Kollegin Julia Mancuso – sondern steigt sofort begeistert darauf ein. „Mein Mann Thomas würde niemals die Wäsche machen, das ist mein Job“, sagt die blonde Skirennfahrerin und schiebt sich die Mütze aus dem Gesicht, „wenn wir eine Rennpause haben, mache ich eigentlich den ganzen Tag die Wäsche.“ Anfangs ist nicht klar, ob das ein Scherz ist, doch Lindsey Vonn hört gar nicht mehr auf, über das Wäschemachen zu sprechen. Irgendwann reicht es einem Journalisten: „Können wir mal über das Rennen reden?“

Ach ja, das Rennen. Heute wird bei den Ski-Weltmeisterschaften 2011 in Garmisch-Partenkirchen die erste Weltmeisterin im Super-G gekürt (11 Uhr, live im ZDF und bei Eurosport). Normalerweise wäre Lindsey Vonn, die Titelverteidigerin und Weltcupführende, neben Maria Riesch die große Favoritin. Wenn da nicht dieser Trainingssturz in der vergangenen Woche gewesen wäre. Die 26-Jährige war mit dem Kopf auf die Piste aufgeschlagen, eine Computertomografie ergab keine sichtbaren Verletzungen. „Aber ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren“, sagt Vonn am Montag in Garmisch-Partenkirchen. „Das macht mir Angst, so eine Verletzung habe ich noch nie gehabt.“ Deshalb überlegt sie, eventuell im ersten Rennen der WM gar nicht erst an den Start zu gehen. „Ich entscheide das am Dienstag unmittelbar vor dem Rennen.“ Hinzu kommen die harten Bedingungen der Kandahar-Strecke, die mit Wasser präpariert wurde und nun völlig vereist ist. „Es ist zu gefährlich, zu unsicher“, sagt die Sportlerin des Jahres 2010 in den USA, „ich bin geschockt, das ist unglaublich.“

Das alles wäre dramatisch – wenn man sich nicht unweigerlich an die Olympischen Spiele in Vancouver erinnert fühlen würde. Dort kündigte Vonn in einer emotionalen Pressekonferenz an, eventuell wegen einer Schienbeinverletzung nicht fahren zu können. Und raste anschließend in Abfahrt und Super-G zu Gold und Bronze. Ist das inzwischen ihre Masche, um vor Großereignissen den Druck zu mindern? „Das ist lächerlich“, sagt Lindsey Vonn erregt, „ich stürze nicht absichtlich, die Gesundheit ist das Wichtigste für mich.“ Und deshalb wird wohl bis kurz vor dem heutigen Rennen nicht klar sein, ob sich Lindsey Vonn die eisige Kandahar tatsächlich hinunterstürzen wird – oder vielleicht doch die Wäsche macht.

Maria Riesch

So eine Heimweltmeisterschaft benötigt ungewöhnliche Entscheidungen: Zu Hause schlafen oder im Hotel – so lautete eine nicht unbedeutende, die zu treffen Maria Riesch gar nicht leicht gefallen ist. Nach einigen Diskussionen hat sie sich für das eigene Bett entschieden, „da fühle ich mich am wohlsten“. Das Gefühl muss eben stimmen, wenn man seine ohnehin schon überaus erfolgreiche Karriere krönen will: Mit einer WM-Goldmedaille, überreicht im Kurpark, nur wenige Meter von der eigenen Wohnung entfernt.

Maria Riesch ist wie Lindsey Vonn in allen Disziplinen für eine WM-Medaille gut. Das Duell zwischen den beiden Freundinnen, die seit sieben Jahren immer gemeinsam in Garmisch-Partenkirchen Weihnachten feiern, könnte diese Weltmeisterschaften bei den Frauen dominieren. „Ich weiß gar nicht, ob es eine Rivalität oder Freundschaft ist, aber es ist sehr gut für den Sport“, sagt Weltskiverbands-Präsident Gian-Franco Kasper. Die deutsche Gesamtweltcup-Führende dürfte angesichts der gesundheitlichen Probleme der US-Amerikanerin sogar leicht im Vorteil sein. Ob es aber für die Doppelolympiasiegerin von Vancouver bereits im heutigen Super-G auf der anspruchsvollen Kandahar-Strecke zum Sieg reicht? „Das würde gleich ein bisschen Druck rausnehmen“, sagt Maria Riesch, „aber ich versuche die WM nicht als Druck zu sehen, sondern als Privileg.“ Allerdings werden auch die US-Amerikanerin Julia Mancuso und die Schweizerin Lara Gut zu verhindern suchen, dass die erste WM-Goldmedaille in Garmisch-Partenkirchen bleibt.

Zudem sprechen die letzten Ergebnisse nicht für Maria Riesch. Im Slalom von Zwiesel schied sie früh aus, im Riesenslalom am Sonntag kam sie lediglich auf Rang elf. „Aber man sagt ja, wenn die Generalprobe schlecht ist, wird die Premiere gut“, sagt Maria Riesch. Sie hatte schon am Montag ein anstrengendes Programm zu bewältigen. Zunächst quälte sie sich mit den anderen Läuferinnen im Training über die Kandahar. „In der letzten Nacht ist die Piste noch einmal sehr eisig geworden“, sagt Maria Riesch. Zuvor hatte sie mit der Sängerin Christina Stürmer („Ich lebe“) im Kurpark ihren eigenen Medientreff eröffnet, genannt „Maria’s Corner“. Offenbar eine Idee ihres Managers und zukünftigen Ehemanns Marcus Höfl, der ihr damit noch eine Verpflichtung mehr bei dieser Weltmeisterschaft verschafft hat. Aber immerhin ist der Weg von Maria’s Corner zu Maria’s Home nicht mehr weit.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben