Sport : Als Abendbrot ein Knäcke

Die Diskussion über hungernde Skispringer wird heftiger – der Österreicher Martin Höllwarth fordert Regeländerungen

Benedikt Voigt

Oberstdorf. Am Neujahrstag wird Martin Höllwarth der Hunger überkommen. „So um die Mittagszeit“, sagt der österreichische Skispringer, „wenn du auf der Schanze bist.“ Er bekämpft das Gefühl, unbedingt etwas essen zu müssen, durch ein einfaches Mittel. Er trinkt Wasser. „Aber wenn du nichts isst, musst du gleich aufs Klo – das läuft nur so durch den Körper.“ Einen einsamen Müsliriegel oder ein einfaches Brot erlaubt sich der Springer an einem Wettkampftag als Mittagessen. Bei der Vierschanzentournee aber stehen innerhalb von zehn Tagen vier Wettkämpfe auf dem Programm. Für Höllwarth bedeutet das: „Ich habe während der Tournee häufig Hunger.“

Martin Höllwarth steht nach der Siegerpressekonferenz im Oberstdorfer Kurhaus und redet offen über ein Thema, das in Springerkreisen eigentlich tabu ist. Er misst 1,82 Meter und wiegt zwischen 64,8 und 65 Kilogramm. „Mit 67 Kilogramm würde ich mich wohler fühlen“, sagt Höllwarth. Zunehmen aber darf er nicht, weil er damit gegen ein Grundgesetz des Skispringens verstoßen würde: Leicht fliegt besser. „Jeder macht mit, wenn er zu den ersten 15 gehören will“, erzählt er. „Das ist ja das Traurige: Dass man mitziehen muss.“ Auch hinter den Erfolgen der norwegischen Mannschaft vermutet der Österreicher eine Hungerkur. Mika Kojonkoski verlange von seinen Springern, dass sie abnehmen, sagt Höllwarth, das habe der finnische Trainer bereits getan, als er noch Trainer der Österreicher war. Am Montag gewann der Norweger Sigurd Pettersen das erste Springen der Vierschanzentournee.

Es ist sicher nichts Neues, dass Skispringen ein Wettbewerb für Leichtgewichte ist. Die Frage ist jedoch, wie weit die Springer beim Abnehmen gehen müssen. „Man sieht gelegentlich Radikalkuren, die einen Jojo-Effekt nach sich ziehen“, sagt Höllwarth. Sven Hannawald schrammte vor Jahren am Rande der Magersucht vorbei. Besonders heikel wird es, wenn sogar der Nachwuchs abnehmen soll. „Wenn du einem Zwölf- oder 13-Jährigen, der in der Wachstumsphase ist, sagst, dass er hungern soll, dann wird’s happig“, sagt Höllwarth, der Vater eines Sohnes ist.

Vor drei Wochen machte bereits der deutsche Springer Frank Löffler auf dieses Thema aufmerksam. „Das ist kein Skispringen mehr, das ist Kampfwiegen, hatte Löffler gesagt. Allerdings sind er und seine Motive angreifbar. Er hatte sich erst gemeldet, nachdem ihn der deutsche Skiverband aussortiert hatte. „Löffler war zu schwer“, sagt nun auch Höllwarth. „Ich kann nicht als Basketballer 1,60 Meter groß sein und dann verlangen, dass sie die Körbe niedriger hängen.“ Auch, dass es wie Löffler sagte, mitunter im deutschen Team nur ein Knäckebrot zum Abendessen gab, glaubt der Österreicher nicht. „Das macht kein vernünftiger Trainer, man muss regelmäßig essen, um trainieren zu können.“

Höllwarths Worte wiegen jedenfalls schwerer als Löfflers. Der Österreicher zählt seit Jahren zur absoluten Weltspitze, am Montag sprang er in Oberstdorf auf den dritten Platz. Der 29-Jährige muss nicht erst die Öffentlichkeit suchen, er steht ohnehin in der Öffentlichkeit. Warum aber redet er über das Tabuthema? Höllwarth sagt: „Wenn man immer nur hinter verschlossenen Türen spricht, wird sich nie etwas ändern.“ Er hofft auf eine neue Regel.

Doch der Internationale Skiverband Fis kann nur tätig werden, wenn die Verbände einen Antrag auf eine Regeländerung stellen. „Wir wollen abwarten“, sagt Fis-Renndirektor Walter Hofer. „Wir werden uns nach der Saison mit den nationalen Verbänden zusammensetzen und überlegen, ob Schritte in dieser Richtung notwendig sind.“ Der Internationale Skiverband versucht seit einigen Jahren, die Rolle des Gewichts durch Veränderungen beim Anzug zurückzudrängen. „Die Richtung ist richtig“, sagt Hofer. Doch offensichtlich hat es nicht ausgereicht, um das Hungerdiktat zu beenden. Inzwischen gibt es Überlegungen, leicht gewichtigen Springern die Skier zu kürzen. Höllwarth führt Freeclimbing als positives Beispiel an. „Wer zu leicht ist, hat dort Bleigewichte dabei.“

In dieser Saison aber wird sich für ihn in seinem Sport nichts mehr ändern. Er wird weiterhin weniger essen, als er eigentlich möchte. Zu wenig wird es aber auch nicht sein. „Man darf nicht weniger essen, als man verbraucht“, sagt Höllwarth. Er müsse sich gerade noch wohlfühlen können. „Wenn ich ständig Hunger habe, bin ich schlecht aufgelegt und kann nicht mehr richtig trainieren.“ Während der Tournee frühstückt er am Morgen ausgiebig, für den Rest des Tages isst er so gut wie nichts, erst am Abend stillt er wieder seinen Hunger. „Da esse ich manchmal die doppelte Ration, die andere Springer essen“, sagt Höllwarth.

Er wartet bereits auf den kulinarisch schönsten Abend der Tournee. In der Nacht vom sechsten auf den siebten Januar, wenn das letzte Springen der Vierschanzentournee in Bischofshofen beendet sein wird, wird er sich an einen Tisch setzen. Und dann wird deftige Kost aufgetischt. „Dann gibt’s schon mal ein Cordon Bleu“, berichtet Höllwarth, „als Belohnung.“

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