Sport : Als Berlin laufen lernte

Wie der Marathon 1981 den Westteil der Stadt eroberte

Jörg Wenig

Berlin. Es ist 22 Jahre her, als sich am Hotel Steigenberger der folgende Hinweis fand: „Unser Parkplatz ist von 10 bis 19 Uhr gesperrt. Dort findet der große Nudellauf statt. Wir erwarten 2000 bis 3000 Personen zum Nudelessen vor dem Hotel.“ Doch da hatte ein Hotelangestellter etwas falsch verstanden. Einen Nudellauf gab es nie.

Der Hinweis beweist, dass viele Berliner zu diesem Zeitpunkt mit dem Marathon noch nicht viel anfangen konnten. Genau in jenem Jahr 1981 schaffte der Berlin-Marathon aber den wichtigsten und schwierigsten Durchbruch in seiner Geschichte. Zum ersten Mal durften die Läufer durch die Straßen des westlichen Berlin rennen. Sieben Mal hatte der Berlin-Marathon zuvor auf einer Pendelstrecke am Rande des Grunewaldes stattgefunden. Nun also, am 27. September 1981, ging es in die City.

Statt eines Nudellaufs zählte eine Nudelparty zum Rahmenprogramm vor dem Berlin-Marathon. Dieses Pasta-Essen für alle Läufer, das es heute immer noch gibt, fand damals auf dem Hotelparkplatz statt. Tags darauf wurde der Berlin-Marathon mit 3486 Athleten aus 30 Nationen gestartet. Weit über ein Jahr lang hatten die Organisatoren für ihre Idee gekämpft, angespornt vor allem durch die Erfolge des New-York-Marathons, der schon 1979 zum ersten Mal über 10 000 Teilnehmer zählte. Doch es war nicht leicht, den Marathon in Berlin aus dem Grunewald heraus auf die Straße zu bringen und bedurfte der Hilfe der amerikanischen Alliierten. Die Stadtpolitiker hatten zwar ihr Einverständnis gegeben, die Polizei war aber noch nicht überzeugt. „Dort drüben sitzt ein Verrückter – der will durch die Stadt rennen.“ Mit diesen Worten wurde Horst Milde im Sommer 1980 dem Berliner Polizeipräsidenten Klaus Hübner vorgestellt. Milde hatte bereits am 13. Oktober 1974 den ersten Berlin-Marathon mit 286 Teilnehmern gestartet. Am nächsten Sonntag wird er als Cheforganisator beim 30. Berlin-Marathon über 35000 Läufer begrüßen.

Damals galt es, die Berliner Polizei zu überzeugen. Das gelang – allerdings zunächst nur, bis die Organisatoren bei einem nächsten Treffen die geplante Route durch die Stadt präsentierten. „Die Straßen sind für die Autos da“, wurde Horst Milde im Herbst 1980 mitgeteilt, nachdem der Organisator den Kurfürstendamm als Zielgerade eingeplant hatte. Ganz tabu war auch ein anderer Streckenpunkt: die Kochstraße am berühmten Grenzübergang Checkpoint Charlie, der durch den Läuferstrom abgeschnitten werden sollte. Doch anstatt eine neue Route auszutüfteln, setzte sich Horst Milde mit dem Chef der US-Mission, John Kornblum, in Verbindung. Der spätere US-Botschafter gab ihm die Erlaubnis. Kornblum stellte einen Offizier bereit und erklärte, bei Lücken im Läuferfeld könne der Grenzübergang ja trotzdem genutzt werden. Es war bereits der 7. Mai 1981, als Horst Milde mit den Amerikanern im Rücken den verblüfften Verkehrspolizisten mitteilte: „Die Strecke wird nicht verändert.“ Der Berlin-Marathon konnte stattfinden an jenem 27. September.

Die westlichen Alliierten gehörten in den 80er Jahren zu den wichtigsten Förderern der Veranstaltung. Sie stellten Verpflegungspunkte, Material, Helfer und Läufer. Auch machten sie Werbung für das Rennen. Es war kein Zufall, dass es zwischen 1981 und 1989 vier britische Sieger gab – so viele wie aus keinem anderen Land. Ohne die damalige Starthilfe der Alliierten hätte sich der Lauf vielleicht nie zu dem entwickeln können, was er heute ist: eines der spektakulärsten und hochklassigsten Straßenrennen weltweit.

Die Entwicklung war erstaunlich: Schon 1985 starteten fast 12 000 Athleten aus 56 Nationen, vier Jahre später waren es knapp 16 500. Hunderttausende Zuschauer machten den Marathon zum größten Volksfest der Stadt. Doch eines gelang den Organisatoren des SC Charlottenburg auf der West-Berliner Strecke nicht: Eine Zeit von unter 2:10 Stunden, die damals eine Weltklasseleistung bedeutet hätte, rannte keiner der Berliner Sieger. Der Etat der Veranstaltung reichte nicht, um die besten Läufer der Welt zu verpflichten. Doch der Fall der Mauer eröffnete ganz neue Perspektiven.

Berlin wird heute in einem Atemzug genannt mit den Marathon-Klassikern aus London, Chicago und New York. Zeiten unter 2:10 Stunden sind nichts Besonderes mehr. 43-mal wurde diese Marke seit 1990 in Berlin unterboten. Dreimal wurde in den vergangenen fünf Jahren sogar der Marathon-Weltrekord gebrochen. Für den Höhepunkt sorgte dabei eine Frau: Die Japanerin Naoko Takahashi lief 2001 in 2:19:46 als Erste unter 2:20 Stunden. Fast jeder zweite Japaner sah dieses Rennen zu Hause live im Fernsehen. Der Berlin-Marathon ist inzwischen weit mehr als ein hochkarätiger Lauf mit Volksfestcharakter. Er ist ein großer Werbeträger für die Stadt.

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