Sport : Als Kohle und Fußball Doppelpass spielten

Grimme-Preisträger Wolfgang Ettlich zeigt in seinem neuen Film „Im Westen ging die Sonne auf“ die Entstehung des Mythos vom Ruhrgebietsfußball

Richard Leipold

Berlin. Am Anfang war das Klischee. „Nur selten gelingt es der Sonne, den Dunstschleier der Abgase zu durchbrechen.“ In der Nachkriegszeit spielte sich das Leben vieler Arbeiter im Ruhrgebiet hauptsächlich an vier Orten ab: auf dem Pütt, im Schrebergarten, im Taubenschlag und im Stadion. In der Oberliga West spielten Kohle und Fußball so erfolgreich Doppelpass, dass die Zechenvereine entlang der Bundesstraße eins die Region zu einem Zentrum der kickenden Zunft machten. Die Kohle versorgte nicht nur die Arbeiter und deren Familien, sondern auch die Vereine. Der Revierfußball war mehr, als es die inzwischen folkloristisch anmutende Rivalität zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 im Geschäftsbetrieb Bundesliga vermuten lässt. Solange die Kohle den Aufschwung befeuerte, konnte sich im Wettbewerb mit den „Großen“ eine Reihe kleinerer Bergarbeitervereine behaupten, die längst in den Niederungen des (Amateur-)Fußballs versunken sind: Rot-Weiß Essen, Sportfreunde Katernberg, Spielvereinigung Erkenschwick, SV Solingen, Westfalia Herne.

Vom Schicksal dieser Klubs, deren Abstieg das Sterben der Zechen sportlich spiegelt, berichtet der Münchner Filmemacher und Grimme-Preisträger Wolfgang Ettlich in seiner Dokumentation „Im Westen ging die Sonne auf“. Seine „kleinen Geschichten von Kohle und Fußball“ zeigen, wie die Sonne an den meisten dieser Orte wieder untergegangen ist. Und wo sie manchmal, im Verborgenen, immer noch scheint. Etwa in der Jugendarbeit der Sportfreunde Katernberg, bei denen einst Helmut Rahn seine Karriere als Vertragsspieler startete, oder an der Getränkebude in Herne, wo der Besitzer sagt: „Pessimisten sollen nach Hause gehen, wir sind Optimisten.“ Die Protagonisten in Ettlichs Film sind Jugendtrainer, Betreuer, Platzwarte, Büdchenbesitzer. In ihrer kleinen, wenig beachteten Fußballwelt, in der es ein Privileg ist, auf Rasen zu spielen, verkörpern sie partiell noch die Eigenschaften, die den Ruhrgebietsfußball groß und stark gemacht haben: Verbundenheit im Zechenviertel und Solidarität. Werte, die sonst nur noch in den Sonntagsreden von Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionären vorkommen.

Die Tradition hat sich gehalten, wenn auch überwiegend in der gigantischen Marketingmaschinerie moderner Mischkonzerne wie Schalke 04 und Borussia Dortmund, die den Revierfußball, trotz vorübergehender Schwächeperioden, seit den Neunzigern sportlich und wirtschaftlich beherrschen. Am Entstehen des „Mythos vom unbezwingbaren Ruhrgebietsfußball“ haben indes auch die Fußballspieler mitgewirkt, die einst zwei Lohnsteuerkarten brauchten – die erste für die Arbeit auf dem Pütt, die zweite für den Dienst am Ball. Für diese erste Profigeneration steht der Erkenschwicker Nationalspieler Horst Szymaniak, der unter Tage malochte und für die Spielvereinigung kickte, ehe er als erster deutscher Berufsspieler unter die Sonne Italiens wechselte. Typen wie er verleihen der Dokumentation ihre melancholisch-romantischen Facetten. Heute wäre Szymaniak vermutlich eine „Kultfigur“ mit einem Stammplatz in den Massenmedien, doch was wäre das schon gemessen an dem, was Szymaniak dem Sport zu verdanken hat? „Wenn ich kein Fußball gespielt hätte – ob ich noch leben würde, weiß ich nicht", sagt er. „Wahrscheinlich nicht." Ettlich vertritt in seinem Film die These, der Mythos habe „den sportlichen Abstieg in manchen Vereinen überlebt", obwohl in der Bundesliga die Kohle nur noch im übertragenen Sinn das Geschäft bestimmt. Der alte Geist sei „genauso wenig untergegangen wie die Hoffnung, eines Tages einmal wieder ganz oben mitzuspielen". Mit Blick auf die gestürzten Klubs aus dem glorreichen Zeitalter des Revierfußballs erscheint diese Hoffnung nur für den Regionalligaklub Rot-Weiß Essen einigermaßen realistisch. Der „Showdown“ im Stadion am Schloss indes zeigt, dass sich auch anderswo naive Zuversicht gehalten hat. Der Platzwart der viertklassigen Westfalia aus Herne sagt, er müsse jetzt gehen, „den Hund nach Hause bringen und die Omma im Bett schmeißen". Dann nimmt er seinen Helfer in den Arm, und die beiden marschieren entlang des „Wembley-Rasens“ Richtung Ausgang. Als sie kaum noch zu sehen sind, erreichen sie die Grauzone zwischen Wunsch und Wirklichkeit. „Der neue Trainer hat gestern gesagt, drei, vier Jahre bis zur Bundesliga brauchen wir wohl noch.“

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