Sport : „Als Trainer bist du kein Mensch mehr“

Franz Beckenbauer über seine zahlreichen Rollen, Deutschlands Chancen bei der EM und die Probleme mit der WM 2006

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Herr Beckenbauer, wer wird FußballEuropameister?

Oh Gott, da wollen Sie was wissen. Bei der WM vor zwei Jahren waren Frankreich und Argentinien meine Favoriten. Die flogen in der Vorrunde raus. Für Prognosen fragen Sie einen anderen.

Gut, dann…

Warten Sie. Die Franzosen gewinnen. Statistisch sind die am stärksten.

Und die Deutschen?

Wenn wir die Vorrunde überstehen, können wir ins Endspiel kommen. Wir werden nicht erdrückt von Spielwitz. Aber unser Spiel ist anders: einfach, schnell. Nehmen Sie Christian Ziege auf der linken Seite. Der spielt nicht attraktiv, hat nicht mal einen Verein. Aber was soll’s, in der Abwehr brauchst du keine Ideen, da musst du den Laden zusammenhalten.

Mit dem ängstlichen Oliver Kahn im Tor?

Es kam viel zusammen für ihn. Er sagt, er kann trennen zwischen Beruf und Privatem. Aber das geht nicht. Wenn du privat schwere Entscheidungen triffst…

…und dich von deiner Freundin trennst, deretwegen du deine Frau verlassen hast…

… ja, wenn du so was erlebst, verfolgt dich das auch, wenn du im Tor stehst. Kahn hat einige Fehler gemacht. Das fällt auf, weil er sonst nie Fehler macht.

Oliver Kahn ist ein Vorbild für viele. Gefallen Sie sich in Ihrer Rolle als Vorbild?

Als Vorbild habe ich mich nie gesehen. Ich habe immer versucht, freundlich zu sein und Autogramme zu schreiben.

Wie viele Autogramme waren das?

Das geht wohl in die Millionen. Ich schreibe seit 40 Jahren nur Autogramme.

Haben Sie sich mal verschrieben?

Nie. Die Unterschrift hat sich verändert. Früher war sie eckiger, da brauchte ich Zeit. Jetzt habe ich eine Schnellschrift.

Warum tun Sie sich das an?

Weil sich die Leute freuen. Mitte der 70er lande ich als Spieler mit dem Team auf einem Flughafen. Ein Mann kommt, will Autogramme. Ich schreibe, das dauert drei Sekunden. Als Paul Breitner dran ist, erklärt er dem Mann eine Viertelstunde, warum er keine Autogramme gibt. Ich habe Paul gefragt: Spinnst du?

Wie ist das, wenn man alle 15 Jahre auf neuen Autogrammkarten unterschreibt?

15 Jahre? Alle drei Jahre wechselt das Foto auf meiner Karte. Manchmal senden mir die Leute meine gesammelten Werke. Von damals, als ich 18 war, bis heute.

Herr Beckenbauer, lassen Sie uns über Ihre vielen Rollen reden. Sie waren Fußballprofi und Teamchef des Nationalteams, jetzt sind Sie Aufsichtsratschef des FC Bayern, Cheforganisator der WM 2006 und Werbeträger. Als was gefallen Sie sich am besten?

Es gibt eine Autogrammkarte von mir, die mir gut gefällt. Eine, als ich als Spieler aufhörte und Teamchef wurde. Da war ich schön athletisch.

War Teamchef Ihr Lieblingsjob?

Es war wunderbar. Anfangs wollte ich alles werden, nur nicht Trainer. Denn ich wusste, dass der Trainer immer der Erste ist, der entlassen wird.

Wie beim FC Bayern München.

Wie bei den Bayern. So ist das eben.

Sie haben die Entlassung ausgeplaudert und damit Ottmar Hitzfeld demontiert.

Nein, nein, das stimmt alles nicht. Ich habe nur einen Rückblick auf die Saison gemacht und gesagt, dass wir jetzt Fragen stellen müssen. Wir haben einen Aufsichtsrat. Wenn der keine Fragen stellen darf, brauchen wir keinen Aufsichtsrat.

Welche Fragen stellen Sie?

Warum hat man es nicht verstanden, der Mannschaft Spielfreude zu vermitteln? Es ist nur immer der gelaufen, der in Ballbesitz war. Und die Frage: Sehen wir nächstes Jahr das Gleiche noch einmal?

Ist Herr Hitzfeld ein guter Trainer?

Ja. Aber nach sechs Jahren war die Luft raus. Vor 30 Jahren wäre das vielleicht gegangen, aber jetzt sind die Anforderungen größer. Früher war der Trainer ein Ausbilder. Als ich Spieler war, haben beim Training zehn Rentner zugesehen, und ein Journalist hat angerufen und gefragt, ob was los ist. Heute hast du 5000 Zuschauer am Trainingsplatz, dazu 30 Reporter. Da musst du als Trainer ein Unterhalter sein, Medienprofi. Da bist du kein Mensch mehr. Da hast du keine Zeit.

Als Nationaltrainer schon.

Ottmar ist der ideale Bundestrainer. Aber nicht unbedingt in Deutschland. Für uns gibt es keinen besseren als Rudi Völler.

Sehnen Sie sich nach den alten, ruhigen Zeiten zurück?

Schauen Sie, die Spieler sind junge Menschen. Die haben mal das Bedürfnis, in die Disko zu gehen oder in den Nachtclub. Das steht am nächsten Tag gleich in der Zeitung, mit Foto. Wenn ich mir überlege, was ich früher als Spieler angestellt habe – na, da wäre ich rausgeflogen.

Wie halten Ihre Spieler das aus? Zum Beispiel Michael Ballack.

Ich hoffe, dass er in München bleibt. In diesem Jahr hat er nicht das gebracht, was er vermag, war nicht richtig fit. Vielleicht wäre es gescheiter gewesen, sich mal zwei Wochen zu erholen.

Kann es sein, dass es im Münchner Fußball nur Probleme gibt: Bayern ohne Titel, beim Stadionbau ein Schmiergeldskandal, und jetzt ist auch noch 1860 abgestiegen…

Naja, vielleicht steigen sie im nächsten Jahr wieder auf. Rechtzeitig zur Fertigstellung unserer neuen WM-Arena.

Aber 1860 will lieber im alten Stadion an der Grünwalder Straße spielen.

An der Grünwalder Straße gibt es keinen einzigen Parkplatz. Das Beste wäre es, das Stadion abzureißen. Das ist eine ideale Wohngegend, von da oben kann man auf die Stadt runterschauen.

Rechnet sich ein Stadionbau noch?

Nein. In dieser Zeit sich einen neuen Kasten hinzustellen, ist unwirtschaftlich. Aber wo willst du sonst spielen?

Im WM-Stadion Leipzig spielt jetzt die vierte Liga...

Vierte Liga? Um Gottes willen. Ich habe sicher ein paar Fußballspiele zu viel gesehen in meinem Leben, aber vierte Liga?

Und jetzt werden auch noch die Stadien teurer, weil die Fifa immer mehr Extras für Vips und Sponsoren verlangt.

Die Auflagen muss man akzeptieren. Gut, das Pflichtenheft ist umfangreich.

Haben Sie es gelesen?

Ich habe nur mal reingelesen. Wir mussten lernen: Das ist nicht unsere Weltmeisterschaft, sondern eine Fifa-Weltmeisterschaft. In meiner Rolle als Organisator schmerzt mich das, weil wir nur sehr beschränkte Rechte haben.

Haben Sie mal das amerikanische Bier Anheuser Busch getrunken, das 2006 in den Stadien ausgeschenkt wird?

Ich bin ja Weißbiertrinker. Ich habe fünf Jahre in Amerika gelebt und gemerkt, dass die einen anderen Geschmack haben. Anheuser Busch ist ein, sagen wir, leichtes Bier. Hinzu kommt, dass die Amerikaner ihr Bier eiskalt trinken.

Können Sie verstehen, dass es in Deutschland Proteste gibt?

Proteste helfen nichts. Die Fifa hat 15 weltweite Sponsoren, die zig Millionen für ihre Rechte zahlen. Natürlich stimmt es nachdenklich, wenn in Deutschland eine WM stattfindet und du trinkst amerikanisches Bier und steigst in ein koreanisches Auto. Normale Menschen, die die Hintergründe nicht kennen, fragen sich: Sind wir noch in Deutschland hier?

Ist das eine gute Entwicklung?

Für die Fifa ist sie sehr gut.

Und für Deutschland?

Viele deutsche Firmen kamen zu spät. Der Lufthansa haben wir 100-mal gesagt: Steigt rechtzeitig ein. Vergebens. Die CMA wollte mit Milch nationaler Förderer werden, aber durfte nicht, weil Coca Cola alle nichtalkoholischen Getränke vermarktet. Oder Aral: Die verkaufen Snacks in den Tankstellen – das wäre Konkurrenz zu McDonalds. Also lehnte die Fifa ab.

Und für Sie als Organisationskomitee bleibt nichts übrig. Bisher gibt es nur vier nationale Förderer.

Wir kommen auf sechs. Die Wettgesellschaft Oddset wird fünfter Sponsor, in den kommenden Wochen wird der Vertrag unterschrieben. Auch der nächste ist klar. Aber dazu möchte ich nichts sagen.

Sie wünschen sich die Bahn, oder?

Die WM braucht die Deutsche Bahn sowieso. Viele in der Politik wollen das auch. Aber die Verhandlungen darüber sind noch nicht abgeschlossen.

Dafür haben Sie Ihre eigenen Werbepartner, EnBW und Postbank, als WM-Partner geholt. Können Sie Ihre Rollen trennen?

Ich arbeite ehrenamtlich für das Organisationskomitee und werbe auch Sponsoren. Ich bin quasi der siebte Förderer.

Kommen Sie nicht durcheinander mit all den Firmen, die Sie repräsentieren?

Ich bin belastbar, tue seit 40 Jahren nichts anderes als repräsentieren, reisen, Werbung machen.

Werden Sie doch Politiker!

Ach, ich habe anderes zu tun.

Mit wem gehen Sie lieber essen, mit Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber von der CSU oder mit Bundesinnenminister Otto Schily von der SPD?

Otto Schily ist super, der hat uns bei der WM viel geholfen, auch mit Geld für das Kulturprogramm. Edmund Stoiber ist ein Top-Mann, auch im Aufsichtsrat des FC Bayern. 2006 ist Wahljahr. Da werden alle versuchen, die WM zu benutzen.

Haben Sie schon mal mit Angela Merkel über Fußball geredet?

Mehr als Grüß Gott!, Guten Tag! und Wie geht’s? haben wir nicht geschafft.

Gehen Sie zur Europawahl?

Wann ist die?

Am 13. Juni.

Da ist doch die Europameisterschaft. Da bin ich in Portugal.

Sie müssen Briefwahl beantragen.

Ach! Das habe ich mal gemacht, bei einer Bundestagswahl.

Viele finden Deutschland überreguliert. Haben Sie nach Maut-Fiasko und Leipzigs Olympia-Aus Angst vor einer WM-Pleite?

Unser Volk hat Dienstleistung nicht erfunden. Das müssen wir lernen. Dazu gehört, dass wir eine zweite Sprache können.

Ist Deutschland freundlich genug?

Die Stimmung muss viel besser werden. Das Jammern auf hohem Niveau mag ich nicht hören. Viele Leute sind verunsichert, darum kaufen sie nichts mehr.

Wofür geben Sie denn Ihr Geld aus?

Vor allem für Kosmetik.

Kosmetik?

Ja, Gesichtscreme. Inzwischen überlege ich, die Creme in den Safe einzuschließen. Die ist ja teurer als Schmuck. (lacht)

Für Sie ist alles Spaß. Sind Sie nie genervt?

Selten. Wenn hundert Kinder um mich herum sind und schreien, kommt leichte Nervosität auf. Da muss man im Zweifel eben 100 Autogramme schreiben.

Seien sie doch mal unfreundlich!

Warum? Schauen Sie sich mein Leben an. Mir geht es blendend.

Herr Beckenbauer, was ist eigentlich Arbeit für Sie?

Arbeit? Kenn ich nicht.

Das Gespräch führten Robert Ide,

Esther Kogelboom und Moritz Schuller.

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